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Warum mag die Dittus eigentlich dieses Latein so sehr?

  • Autorenbild: Anna M. Dittus
    Anna M. Dittus
  • 5. Nov.
  • 5 Min. Lesezeit

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arum eigentlich?

Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben


Mein Name ist Anna M. Dittus. Ich bin 41 Jahre alt – und heute geht es um etwas ganz Reales, Akribisches, ANNA-lytisches. 

Nachdem Sie in einigen der letzten Kolumnen-Ausgaben schon das ein oder andere über meine Mama erfahren durften, gibt es heute etwas, was ich meinem Papa verdanke: Ich bin ein Lateiner! Eine Tatsache, die Ihnen als akribischen Kolumnen-Lesern natürlich nicht entgangen ist. 

Er hatte ab der fünften Klasse Latein, und ich als Papa-Kind wollte in natürlich in seine Fußstapfen treten. Zum Glück habe ich in der fünften Klasse noch nicht überblicken können, wie groß diese sind, aber damit beschäftigen wir uns vielleicht einmal in einer anderen Ausgabe. Heute geht es um die schlichte Frage:


Warum mag die Dittus eigentlich dieses Latein so sehr?


Ja, da war ich also, zehn Jahre jung, bereits damals mit einer gewissen Aquamarin-Blauäugigkeit gesegnet, und einer der insgesamt 15 Kindern der Unterstufe, die der Lateinischen Sprache den Kampf ansagen wollten – oder einfach mal in der Lateinklasse anwesend waren. Und was soll ich sagen? Während andere in der ersten Englischstunde „Hello, my name is Bärbel“ oder „I love ice-cream“ sagten konnen, konjugierte ich brav Marcus und Claudia, wusste, das die beiden gerne auf dem Marktplatz waren und einen Großvater hatten. Und was ich schnell heraushatte: Die alten Römer waren jetzt nicht gerade das Partyvolk der Antike. Die waren ständig auf Volksversammlungen, bauten Aquädukte oder Eroberungen – und wenn’s mal richtig wild wurde, dann wahrscheinlich beim Deklinieren. Also im Grunde nix, womit man in der Pause angeben konnte.


Latein als Schulfach war… sagen wir… speziell. Während andere Sprachen einem halfen, Freunde im Ausland zu finden, half Latein höchstens dabei, das Etikett auf einer Cremetube zu verstehen. Aber hey – immerhin verstand ich, was „Nivea“ heißt:

 von nivis, „der Schnee“. Erklärt einiges, oder?

Natürlich konnte ich mich niemals mit Latein unterhalten. Ich meine – mit wem auch? Julius Cäsar? Aber irgendwann war ich plötzlich die Queen, Entschuldigung, die regina meine ich selbstverständlich, der Fremdwörter. Wenn in Biologie von Aquaporinen oder in Geschichte von Imperatoren die Rede war, hob ich innerlich die Hand und dachte: Ha! Latein, Baby … äh, natürlich Lingua Latina, infantem!

Und weil wir nur 15 Leute im Latein-Kurs waren, fühlte sich das Ganze an wie ein Geheimclub. So eine Art „Illuminati“. Während 70 andere „Englisch“ paukten, flüsterten wir carpe diem und fühlten uns überdurchschnittlich gebildet.


Übrigens – mein Patensohn hat jetzt auch mit Latein angefangen. Ich bin kurz davor, eine Familienflagge mit Vivat lingua Latina! zu sticken. Nein, war ich nicht - ich kann nämlich nicht sticken. Aber die Geheimsprache lebt weiter. Mein Papa, mein Neffe und ich – großartig!


Hatten Sie Latein in der Schule?

 Oder sind Sie einer der Glücklichen, die stattdessen Französisch gelernt haben – und jetzt wenigstens Croissants bestellen können, ohne zu schwitzen? Ganz ehrlich: Ich beneide Sie ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Denn, obwohl ich in Latein nie Smalltalk gelernt habe, hat mir das Fach eine Liebe zu Sprache und Struktur geschenkt.

 Okay, und ein leichtes Trauma, wenn jemand Konjunktiv sagt.

Aber glauben Sie mir – wer Latein überlebt, den schockt später keine Steuererklärung mehr.


Ich war übrigens eine ausgezeichnete Spickerin. Hätte es dafür Schulnoten gegeben, ich hätte summa cum laude abgeschlossen. Aber Latein war eines der ganze wenigen Fächer – neben Kunst, Sport und Musik, wo einem einfach kein Spickzettel half – in dem ich nicht schummeln musste. Das hat mich begeistert, das saß – und das war auch eines der wenigen Fächer, wo zur Abwechlung mal von mir abgeschrieben wurde. Dank meiner wirklich großartigen Lehrer, Herrn Semmelmann und Herrn Beutner, und meinem Vater, der bei jeder Autofahrt, bei jedem Spaziergang und natürlich auch beim Mittagessen so cooooooole (Ironie an) Fragen stellte wie: „Na, was heißt „ponere’ und wie wird es konjugiert?“ oder „Lass uns mal kurz „haec bella puella“ durchdeklinieren. Andere spielten „Stadt, Land, Fluss“, Papa und ich spielten „Subjekt, Prädikat, Objekt“.


Das Beste an Latein ist aber: Es verfolgt uns alle. Auch Sie. Ja, genau Sie! Egal ob Sie in der Schule Latein hatten beziehungsweise, ob Sie es geliebt oder gehasst haben. Wie sind alle drin in diesem Latein-Game oder auch im ludus latini.

 Wenn Sie „Agenda“ sagen – Latein.

 „Motivation“ – Latein.

 „Position“, „Konsum“, „Video“ – Latein, Latein, Latein.

 Selbst Ihr „Computer“ leitet sich von computare ab.

Und falls Sie jetzt denken:

 „Moment, dann spreche ich ja auch Latein?!“

 Gratuliere (das lateinische Verb lautet übrigens gratulari). Willkommen im Club der Unfreiwilligen. Und nicht nur Sie! 


Ich habe zwar noch nirgendwo gelesen, das in Hogwarts Latein gelehrt wird, dennoch schmeißen die Zauberer mit Latein nur so um sich – schon aufgefallen? Lassen Sie sich nur mal die Zaubersprüche auf der Zunge zergehen: 

Lumos“ kommt von lumen, das Licht.

 „Nox“ ist das Gegenteil – einfach „Nacht“.

 „Expelliarmus“ bedeutet: den Gegner entwaffnen.

 „Alohomora“ (mein persönlicher Favorit, weil ich ständig Schlüssel verlege) stammt aus einer altafrikanischen Sprache, wurde aber vom Latein beeinflusst – Harry Potter war also quasi multilingual unterwegs!

 Und „Expecto Patronum“? Das ist purer Latein-Zauber: expecto – „ich erwarte“ und patronus – „der Beschützer“. Also: Ich erwarte einen Beschützer.

 Sehen Sie – spätestens jetzt können Sie nicht mehr behaupten, Latein sei tot. Ganz im Gegenteil: Es rettet täglich Zauberer, Hexen und hin und wieder auch meine Stimmung, wenn ich mal wieder eine Eule verschicke, die eigentlich eine E-Mail ist.


Übrigens, vielleicht lag es auch daran, dass ich Latein so cool fand: Die alten Römer hatten nur etwa 25.000 Wörter – wir Deutschsprachigen über 300.000.

 Aber gut, die mussten auch keine E-Mails schreiben oder WLAN erklären. Es gab weder Motorräder noch Kühlschränke. Und trotzdem – Latein hat etwas Zeitloses. Man kann damit angeben, flirten, drohen oder philosophieren. Carpe diem! klingt schließlich viel poetischer als „Mach hin, sonst ist der Tag rum.“ Ich persönlich hau ja regelmäßig eine lateinische Weisheit raus.

 Sie auch? Oder finden Sie das eher nervig, wenn jemand im Gespräch plötzlich Cicero zitiert? Na gut, ich geb’s zu – manchmal kann’s ein bisschen überheblich klingen.

 Aber hey, irgendwer muss ja den Bildungsauftrag erfüllen.


Und so sitze ich hier, 41 Jahre alt, und denke:

 Es gibt zwei Sorten Menschen – die, die Latein hatten und es lieben,

 und die, die Latein hatten und bis heute zusammenzucken, wenn jemand „Ablativus absolutus“ sagt. Ich gehöre eindeutig zur ersten Gruppe.

 Und ich bin mir sicher, mein Vater liest das jetzt, nickt zufrieden und sagt: Bene fecisti, filia – „Gut gemacht, Tochter.“ Ich antworte mit „Gratias tibi ago, pater.“ Ich danke Dir , Papa. Nicht nur für meinen Spaß an der Lateinischen Sprache, aber wie gesagt, dazu vielleicht in einer anderen Ausgabe mehr.


Herzlichst

 Ihre Anna M. Dittus

 (41, liebt Latein, trinkt noch einen magicae potum (Zaubertrank alias grünes Red Bull) und übt jetzt mal flirten über te amo hinaus)

... wobei, vielleicht kann ich das ja bereits ...

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