Warum machen wir am liebsten das, was man so macht?
- Anna M. Dittus

- 22. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Warum eigentlich – Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben
Mein Name ist Anna M. Dittus. Ich bin 41 Jahre alt, vermutlich immer noch irgendwo zwischen akribischer Lebensanalyse und gepflegter Realitätsflucht unterwegs – letzteres gerade wieder etwas verlockender. Heute geht's um die Klärung folgender Frage:
Warum machen wir am liebsten das,
was man so macht?
Sie kennen das.
„Man“ fährt mindestens einmal im Jahr in den Urlaub – und erzählt danach mit glänzenden Augen von Dingen, die eigentlich eher mittel waren.
„Man“ begrüßt sich zu einem feierlichen Anlass mit einem Glas Sekt. Auch wenn man gar keinen Alkohol mag.
„Man“ strebt nach dem großen Lebens-Bingo: heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen, Hund anschaffen. Katze ginge auch.
Ich persönlich tendiere an dieser Stelle ja zu den Meerschweinchen – boykottiere allerdings Hochzeit und Kinder.
Zum Glück bin ich mit 41 mittlerweile aus diesem Alter raus – aber Sie glauben ja nicht, wie lange ich mir genau dazu (nicht zu den Meerschweinchen, sondern zu Hochzeit und Kindern) unzählige unverständliche Blicke und wirklich zum Teil sehr seltsame Fragen anhören musste. Es sei denn, Sie halten es in diesen Punkten gleich wie ich – dann glauben Sie mir. Mit Sicherheit!
Denn wehe, man macht nicht das, was man so macht. Dann ist man entweder ein Freigeist – oder, wahrscheinlicher, in den Augen anderer einfach „komisch“. Ich trinke zum Beispiel seit Jahren bewusst nur sehr, sehr wenig Alkohol. Einfach, weil ich mich wohler fühle ohne.
Und trotzdem erlebe ich regelmäßig diese Überredungsoffensiven:
„Ach komm, nur ein Gläschen!“
„Aber das ist doch nur der Begrüßungs-Sekt – der zählt nicht!“
„Echt jetzt? Nicht mal zu deinem eigenen Geburtstag?“
Kennen Sie das? Dieses Gefühl, dass manche Entscheidungen für andere schwerer zu akzeptieren sind als für einen selbst? Dabei steckt nichts Rebellisches dahinter – nur eine Entscheidung gegen das, was man so macht. Aus persönlichen Gründen. Und die sollten uns doch am wichtigsten sein, oder?
Meine Mama – und sicher auch irgendein Erwachsener in Ihrer Jugend – hat früher, wenn ich irgendetwas völlig Unnützes haben oder Unvernünftiges tun wollte, immer gesagt: „Nur weil es die anderen machen, musst du ja nicht mitmachen. Wenn die aus dem Fenster springen, springst du ja auch nicht.“
Damals habe ich im Bestfall beleidigt genickt, im worst case ziemlich rumgetobt – und heute merke ich: Sie hatte verdammt recht. Das Problem ist nur, dass „aus dem Fenster springen“ oft sehr gemütlich aussieht, wenn alle anderen es tun.
Das Verrückte daran: Dieses was man so macht funktioniert nicht nur bei den großen Lebensentscheidungen. Es schleicht sich auch in die kleinen Dinge. Trends zum Beispiel. Plötzlich trägt jeder wieder Schlaghosen, und obwohl man sich geschworen hatte, nie wieder wie ein schlecht gelaunter ABBA-Nebendarsteller auszusehen, hängt da plötzlich so ein Ding im eigenen Kleiderschrank.
Oder diese kulinarischen Hypes: Avocado auf Toast – alle schwärmen. Also probiert man’s. Und stellt fest: Schmeckt wie eingeschlafene Füße, aber gut, man macht es eben. (Unter uns: Ja, ich finde, dass es genau so schmeckt und NEIN, ich esse tausend andere Sachen vorher als das!).
Achtung, jetzt wird es wieder „altklug“: Früher war der Strom, in dem man so mitschwimmt, nicht selten ein ganz vielversprechender. Wir konnten uns guten Gewissens treiben lassen – gesellschaftlich, politisch (okay, politisch nur so semi-früher!), menschlich. Heute muss man schon sehr viel Selbstüberzeugung (oder Blindheit) mitbringen, um sich darin wohlzufühlen.
Und trotzdem – der Strom holt uns immer wieder ein. Man macht, was man eben so macht. Vielleicht liegt es daran, dass der Strom so bequem ist. Man muss nicht nachdenken, nicht zweifeln, nicht ausprobieren. Er gibt einem das beruhigende Gefühl, auf der „richtigen Seite“ zu stehen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und Zugehörigkeit – das ist nun mal ein Grundbedürfnis. Evolutionär gesehen war „alleine im Flussbecken“ eben kein besonders guter Überlebensplan.
Doch in letzter Zeit ertappe ich mich immer öfter bei dem Gedanken: Frankfurt, One-Way-Ticket, WEG! Einfach mal schauen, was passiert. Weil ich lieber in meinem eigenen, kleinen Seitenarm schwimme. Mit ruhiger Strömung. Ohne dieses Dauerrauschen in Form von „Wie kannst du nur?!“ und „Das macht man aber nicht!“, das der Mainstream so zuverlässig mit sich bringt.
So, aber nun mal Tacheles: Wie oft haben Sie etwas gemacht, nur weil „man“ es eben so macht und gemerkt, dass es sich gar nicht gut anfühlt? Mal bewusst den gesellschaftlichen Autopiloten ausschalten – das kann so befreiend sein. Kennen Sie das Lied von Udo Jürgens „Ich war noch niemals in New York“?
Das perfekte Beispiel. Eigentlich möchte man doch manchmal nichts lieber, als aus Gewohnheiten ausbrechen. Und verflucht die gesellschaftlichen Pflichten – beziehungsweise eigentlich sich selbst, weil man sich ihnen so oft beugt, ohne es zu müssen. Weil man es halt so macht.
Vielleicht ist es das, was ich Ihnen heute mitgeben möchte: Fragen Sie sich doch mal – schwimmen Sie gerade wirklich da, wo Sie schwimmen wollen? Passt die Richtung? Und vor allem: Hat das Wasser eigentlich Ihre Wohlfühltemperatur? Oder möchten Sie eigentlich, wie Udo Jürgens, verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen? (Es muss ja nicht gleich eine Reise über den großen Teich sein ...) Ich bin gespannt, was Sie darauf antworten.
In diesem Sinne: Bleiben Sie mir gewogen – oder schwimmen Sie einfach mal kurz raus an den Rand. Die Aussicht ist manchmal besser.
Herzlichst,
Ihre Anna Dittus
(41, hat den Gesellschafts-Leitfaden zwar gelesen – ist aber ständig dabei, die Seiten herauszureißen, die nicht zu ihr passen.)
oder auch
Herzlichst
Ihre Anna Dittus
(41, mag Kinder und feiert auch gerne Hochzeiten – als Patentante, Kinderbuch-Autorin und als Gast.)



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