Warum können uns Stimmen eigentlich so faszinieren?
- Anna M. Dittus

- 29. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Warum eigentlich?
Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben.
Mein Name ist Anna Dittus. Ich bin 41 Jahre alt, und heute schreibe ich über etwas, das nichts mit Realitätsflucht zu tun hat – sondern unglaublich real ist: Stimmen. Nein, keine Sorge, ich halte Sie nicht für verrückt. Die Stimmen, von denen ich rede, gibt es wirklich. Stimmen, die bleiben. Stimmen, die einen prägen. Stimmen, die man nie wieder loswird.
Warum können uns Stimmen eigentlich so faszinieren?
Ich erinnere mich noch sehr genau an die Stimme meiner verstorbenen Oma. Mit fünf konnte ich ihre Telefonnummer schon auswendig, obwohl die Nummern damals noch ewig lang waren. Samstags habe ich stundenlang mit ihnen telefoniert. Am hässlichst grünen Festnetztelefon mit den schwarzen Tasten. Ohne Flatrate, ohne Handy. Ich saß stundenlang auf dem Sofa, wir haben über alles geredet – Schule, Kuchen, Lieblingsessen … Ein Highlight.
Und mein Opa? Volksmusik im Auto, ohne Gnade. Wenn wir Enkel genervt baten, mal was anderes einzuschalten, kam unweigerlich: „Wer fährt, bestimmt den Sender.“ Punkt. Aus. Ende der Diskussion. Ein Satz, den wir uns bis heute scherzhaft gegenseitig an den Kopf werfen. In Gedanken an Opa – und ich schwöre, ich höre dabei immer seine Stimme.Beide sind verstorben in einem „Zeitalter“ ohne Sprachnachrichten und tausenden Handyvideos. Ihre Stimmen sind nirgendwo gespeichert – nur in meinem Kopf.
Und dann gibt’s Stimmen, die man nie wieder loswird, obwohl man es liebend gern täte: der Lehrer, der in Dauerschleife nörgelte, oder jemand mit einem Dialekt, bei dem Sie innerlich schreien möchten: „Nein, bitte nicht nochmal dieses Rrrrollende Rrr!“ Haben Sie so eine Stimme in Ihrem Leben? Eine, die Sie nachts noch im Ohr haben – und nicht im guten Sinn? Geben Sie es zu, es ist nicht nur eine! Warum habe ich an dieser Stelle das Lied von Tom Beck und Evelyn Weigert im Ohr? Halt Dein Maul, Baby, halt Dein Maul, oh Baby, halt Dein Maul … Wenn Sie es nicht kennen: Einfach mal reinhören! Ein Gamechanger im Leben mit schlimmen Stimmen!
Aber es gibt auch Stimmen, die begleiten einen ein Leben lang. Man wird sie niemals vergessen, weil sie so toll sind! Jens Wawrczeck, die Stimme von Peter Shaw (???), ist für mich wie ein alter Freund. Dietmar Wunder (James Bond, also Daniel Craig), David Nathan (Johnny Depp, Christian Bale), Simon Jäger (Matt Damon, Heath Ledger) – ich höre die Namen, und sofort klingt es in meinem Kopf. Hörbücher suche ich oft gezielt nach den Sprechern aus. Geht Ihnen das auch so? Oder sind Sie eher der Typ: Hauptsache, irgendjemand liest’s?
Wobei ich gestehe: Bei Frauenstimmen in Hörbüchern tue ich mich oft schwer. Irgendwie packt mich das nicht. Ebenso ungern schaue ich Fußballspiele, die Frauen kommentieren. Dabei gibt es so wunderbare Ausnahme-Stimmen: Hannelore Hoger, Rita Russek oder Regina Lemnitz – eine Stimme, die gleichzeitig Whoopi Goldberg, Roseanne und einfach eine unverwechselbare Präsenz ist. Hammer, oder? In Filmen liebe ich sie!
Und dann diese – für mich persönlich zumindest – schrecklichsten Momente: Man sitzt vor einer Serie, liebt die Charaktere, und plötzlich – neue Synchronstimme! Erst denkt man: „Geht gar nicht.“ Überlegt sich, ob man überhaupt weiterschauen will, fühlt sich unwohl, will, dass dieser Charakter für immer schweigt. Bis zu folgendem Phänomen: Nach fünf Folgen: „Alte Stimme? Welche alte Stimme?“ Man kann sich nicht mehr an deren Klang erinnern. Alles ist wie immer, als hätte es nie eine andere Stimme gegeben. Angeblich liegt das daran, dass unser Gehirn Stimmen wie Gesichter speichert, sich aber erstaunlich schnell umgewöhnen kann, wenn die Stimme nur oft genug abgespielt wird. Praktisch, oder? Und gleichzeitig irgendwie traurig.
Natürlich interessieren mich zu diesem Thema so einige Dinge: Fragen Sie sich manchmal, wie Ihre eigene Stimme? Kategorisieren Sie sich eher bei „das melodische Typchen“ oder unter „Mikrofon-Schreck“ ein? Und nervt Sie eigentlich die Nachbarin, wenn sie mal wieder viel zu laut mit der Cousine telefoniert? Oder haben Sie vielleicht einen Radiomoderator, dessen Stimme Sie sogar morgens um 6 sofort in gute Laune versetzt?
Eines ist sicher: Stimmen haben Macht. Sie können trösten, beruhigen, Erinnerungen zurückholen. Sie können uns fehlen. Ich bin froh, die für mich wunderbarsten Stimmen gefunden zu haben (naja, eigentlich hat eher sie mich gefunden, wie es immer so ist mit Stimmen), die wirklich ein Zuhause für mich ist. Wenn ich die höre, fühle ich mich sicher, aufgehoben und gut unterhalten. Aber ich würde auch Vieles geben, wenn es im Himmel ein Telefon gäbe – einfach nur, um die Stimmen der Menschen, die nicht mehr da sind, immer wieder hören zu können. Und um zu hören, dass es ihnen dort, wo sie sind, auch gut geht … Denn eine Prise Realitätsflucht gehört ja schließlich in jede meiner Kolumnen, nicht wahr?
Herzlichst
Ihre Anna M. Dittus(41, redet manchmal mit sich selbst – aber hey, wenigstens kennt sie diese Stimme schon ewig, und ist dankbar, dass die schönsten Stimmen für immer bleiben)



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