Warum kann eine kleine Prise Duft eigentlich so große Erinnerungen wecken?
- Anna M. Dittus

- 29. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben,
Mein Name ist Anna M. Dittus. Ich bin 41 Jahre alt, vermutlich immer noch irgendwo zwischen akribischer Lebensanalyse und gepflegter Realitätsflucht unterwegs – letzteres heute in der Deluxe-Version. Denn diesmal geht es um etwas, das wir alle ständig tun, ob wir wollen oder nicht: riechen.
Warum kann eine kleine Prise Duft eigentlich so große Erinnerungen wecken?
Stellen Sie sich vor: Sommer in der U-Bahn:. Die Türen gehen auf, ein Schwall stickiger Luft trifft Sie wie eine Welle und Sie wissen sofort: Das überleben nur die Stärksten. Oder Fitnessstudio, Montagabend. Sie haben Ihr Handtuch, Ihre Wasserflasche Ihr Deo dabei. Der Typ neben Ihnen? Nur das Handtuch. Und das hängt über der Schulter. Gefühlt seit den letzten drei Trainingseinheiten. Nasser Hund? Ein Klassiker. Puma-Käfig? Schon gerochen? Halten Sie sich lieber die Nase zu - der ultimative Endgegner: Jemand hat sich übergeben. Ich schwöre, bei diesem Geruch brauche ich keine drei Sekunden, bis ich solidarisch danebenstehe. Sie auch?
Aber natürlich gibt es auch die andere Seite: die wunderbaren Gerüche, die sich sofort in unser Herz brennen. Der Mensch, den man so sehr liebt und den man wortwörtlich "gut riechen kann" . Ein neues Auto. Blumen. Frisch gebackenes Brot, das uns quasi magisch in die Bäckerei zieht. Der Nachbar, der den Grill anwirft, und zack haben wir Hunger, obwohl wir gerade erst gegessen haben. Oder jemand in der Stadt, der vor Ort Mandeln brät: Sofort denkt man an Weihnachtsmarkt , Kindheit, kalte Hände und klebrige Finger.
Und dann diese speziellen Erinnerungs-Gerüche: Zuckerwatte riecht nach Kirmes oder Zirkus. Elefantengeruch - einmal im Zoo geschnuppert, und man erkennt ihn sein Leben
wieder (obwohl man hoffentlich keinen Elefanten zu Hause hat). Das Elternhaus, dessen Geruch man sofort im Kopf hat, wenn man es gerade gar nicht beschreiben könnte.
Bei Oma und Opa: eine Mischung aus 4711, frisch Gebackenem, einer Prise Mottenkugeln und ganz viel Ferien. Der erste Schnee riecht anders als Sommerregen. Und Meer - Meer riecht immer nach Urlaub, selbst wenn's Nordsee-Nieselregen ist. Hmmmm wunderbar!
Ich hatte übrigens mal das große Glück, mit einem echten Parfümeur zusammenzuarbeiten - in einer Firma für Heilmittel und Kosmetik. Er war dafür verantwortlich, dass Salben, Cremes, Shampoos & Co. So wunderbar riechen; dass man sie einfach kaufen muss! Ich arbeitete in der Pressestelle und wenn Journalisten zu Gast waren, durften die einen Crashkurs in ,die Welt der unzähligen Düfte" bekommen: Eine Veranstaltung, die ich mir niemals entgehen ließ! Hätten Sie mir direkt nach meinem Abitur verraten, dass es Parfümeur-Schulen gibt - in Versailles, Paris oder Grasse - ich hätte sofort die Koffer gepackt und wäre nach Frankreich gezogen. 100 Prozent! Stattdessen habe ich halt gelernt; wie man schreibt. Aber Bücher riechen auch gut, kann ich Ihnen sagen. So richtig gut sogar!
Aber Gerüche können natürlich auch das Gegenteil bewirken. Krankenhausluft zum Beispiel. Wer damit eine schwere Zeit verbindet, weiß, dass dieser Geruch sofort dunkle Erinnerungen zurückholt. Der Geruch der See kann plötzlich in Traurigkeit kippen, wenn er mit Liebeskummer verbunden ist. Und manche Gerüche sind für immer verloren, weil
Häuser, in denen man sie geliebt hat, abgerissen wurden oder andere Menschen dort wohnen: Was bleibt; ist die Erinnerung abgespeichert tief im Gehirn, wie ein kleines Duftarchiv, das sich manchmal ungefragt öffnet.
Und jetzt Sie: Welchen Geruch lieben Sie so sehr, dass Sie ihn sofort in eine Flasche füllen und immer bei sich tragen würden? (Also keine Sorge - wir machen hier am Sonntagmorgen keinen auf Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süßkinds „Das Parfum“!) Und welcher Geruch treibt Sie in die Flucht? Und was würden Sie sagen: Gehen
Sie „riechend” durch die Welt - oder ist Ihre Nase einfach nur im Weg?
Ach ja, und falls Sie sich fragen, warum Gerüche so viel Macht über uns haben: Das liegt daran, dass sie direkt ins limbische System unseres Gehirns wandern - also in den Bereich, der für Gefühle und Erinnerungen zuständig ist. Anders als Sehen oder Hören machen sie keinen Umweg über die „logische“ Großhirnrinde. Deshalb reicht ein winziger Hauch von Omas Apfelkuchen - und schon stehen wir wieder in der alten Küche mit karierten Vorhängen. Ziemlich verrückt, oder?
Mein Tipp: Beim nächsten frischen Herbstregen sollten Sie einfach mal stehen bleiben, tief einatmen und kurz genießen. Vielleicht wird genau das irgendwann einer Ihrer schönsten Erinnerungs-Gerüche.
Herzlichst, Ihre Anna M. Dittus
(4l, schnuppert immer gerne tolle Düfte und weiß, wie es ist, wenn man einen Menschen gut riechen kann)



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