Warum hat mein Gesicht eigentlich 1000 Gesichter?
- Anna M. Dittus

- 5. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Warum eigentlich?Mit weit geöffneten, aquamarinblauen Augen durchs Leben zu gehen, ist Fluch und Segen zugleich – man sieht viel, aber man zeigt auch viel.Mein Name ist Anna M. Dittus, und heute geht es um ein Thema, das nicht nur mein Umfeld, sondern auch mein Spiegelbild bestens kennt: meine Mimik. Oder, sagen wir’s ehrlicher – mein ausdrucksstarkes, ehrliches, manchmal gnadenlos ehrliches Gesicht oder besser gesagt um die Frage:
Warum hat mein Gesicht eigentlich 1000 Gesichter?
Wahrscheinlich prusten Sie gerade in Ihre sonntägliche Müsli-Milch – entweder, weil Sie mich kennen und genau wissen, dass meine Gesichtsmuskulatur die abgefahrensten Kunststücke hinbekommt, oder weil sie sich sofort selbst erkannt haben. Geben Sie es zu! Aber wir kennen doch alle diese Menschen, die behaupten, sie könne nix aus der Ruhe bringen, sie hätten schließlich ein Pokerface. Vielleicht haben Sie gerade auch nicht die Milch über dem Frühstückstisch verteilt, weil Sie eben so sind und keinerelei Gesichtsregung gezeigt haben. Ja, was soll ich sagen? Das hab ich schon auch. Aber wenn mein Gesicht zu pokern beginnt, hat mein Gegenüber längst verloren. Aber kolumnisieren wir der Reihe nach.
Wenn Sie mir gegenübersitzen, wissen Sie nach zwei Minuten, ach was, nach 20 Sekunden, wie’s mir geht – ob ich Sie mag, ob ich mich langweile oder ob ich innerlich schon auf dem Sprung bin, weil mein Geduldsfaden sich gerade verabschiedet.
Ich schwöre, ich habe es lange trainiert – dieses professionelle, emotionslose „Ich bin völlig neutral“-Gesicht. Ich hab es wirklich geübt. Und wissen Sie was? Ich kann das nicht nur – ich bin das dann. Wenn ich jemandem begegne, dem ich keinerlei positive Emotionen entgegenbringe, dann verwandelt sich mein Gesicht in Stein. Ohne Mühe, ohne Anstrengung. Das ist meine Superkraft: emotionale Eiszeit auf Knopfdruck.
Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie auch dieses eine Gesicht, das Sie automatisch aufsetzen, wenn Sie jemandem begegnen, der Sie einfach … nichts angeht?Dieses „Ich bin nur körperlich anwesend“-Gesicht? Ich nenne es den Marmor-Modus. Meine Freunde erkennen ihn sofort. Sie wissen: Wenn ich dieses Gesicht aufsetze, ist alles gesagt – ohne ein Wort. Für alle anderen sehe ich vermutlich einfach ruhig, gefasst und kontrolliert aus. In Wahrheit tobt hinter der Stirn ein innerlicher Dialog zwischen „Bleib höflich!“ und „DIESE PASSAGE WURDE SICHERHEITSHALBER ZENSIERT“.
Und je nachdem, wie sich diese Situation auf längere Sicht entwickelt oder gar Emotionen ins Spiel kommen – positiv oder negativ – explodiert meine Mimik eventueeeeell, gegeeebenenfaaaaalls, so gaaaaaaaanz vielleiiiiiicht wie ein Feuerwerk.Ich kann gar nicht anders. Von leicht geblähten Nasenflügeln (meist der Vorbote von Ungeduld), über dramatisch aufgezogene Stirnfalten bis hin zu diesem unverkennbaren Blick, der sagt: „Oh bitte, red einfach nicht weiter.“
Und dann gibt es die andere Seite – die weiche, ehrliche, lachende.Das verschmitzte Lächeln, das langsam wächst, wenn mich jemand wirklich berührt.Das Aufleuchten in meinen Augen, wenn ich mich freue.Und dieses schallende, unkontrollierte Lachen, bei dem ich Tränen in den Augen habe und mein Hals endlich entspannt ist.Das ist mein Lieblingsgesicht.
Dazwischen ist so gut wie alles möglich – vom crazy Joker über die bezaubernde Sissi, vom Zorn bis hin zur Verzweiflung, von Ironie bis hin zum Mitleid kennt mein Gesicht jede (und mit JEDE meine ich wirklich JEDE) Nuance.
Manchmal ein Fluch, weil man mir dann doch leicht in die Karten schauen kann, manchmal ein Segen, weil ich nicht mehr nach den passenden Worten suchen muss. Mein Gesicht sagt alles – mehr als deutlich.
Ich bewundere Menschen, die souveränstens lächeln, während sie innerlich wahrscheinlich den kompletten Raum abfackeln. Die jedes Meeting überstehen, ohne dass man ihnen die pikante Mischung aus Genervtheit, Unglauben und – ganz ehrlich – Verzweiflung ansieht. Nicht einmal, wenn man eine Lupe zücken würde.
Und bei Ihnen so? Können Sie Ihr Gesicht wirklich kontrollieren? Sind Sie Team Pokerface – oder Team offenes Buch? Und haben Sie sich auch schon mal dabei erwischt, dass Sie jemandem gegenüberstehen, den Sie nicht leiden können, und inständig hoffen: „Ich hoffe, mein Gesicht verrät mich nicht“ … während Ihre Mimik längst eine eigene Talkshow gestartet hat?
Der Mensch, der mich am besten kennt, sagt immer:„Ich brauch dich gar nicht zu fragen, wie’s dir geht – ich seh’s dir an.“Und er hat recht.Er weiß genau, wann meine Mimik gegen mein Herz kämpft, wann ich ungeduldig, traurig, verzweifelt bin. Und wissen Sie was? Ich glaube, und das wurde mir jetzt beim Schreiben dieser Kolumnen-Ausgabe deutlich bewusst, ich will das gar nicht ändern.Ich will in manchen Situationen gar kein Pokerface. Denn mein Gesicht ist ehrlich.Es ist manchmal zu deutlich, manchmal zu laut, manchmal zu ungeduldig – aber immer echt. Denn ganz ehrlich: Wenn wir unsere Gesichter verstecken, wer soll uns dann noch wirklich sehen?
Ich bleib bei meinen 1000 Gesichtern.Denn jedes einzelne davon gehört zu mir – vom eiskalten Marmorblick für die, die ihn verdienen, bis zum glitzernden Freudentränen-Lächeln.
Herzlichst,
Ihre
Anna M. Dittus (41, hat zwar 1000 Gesichter – aber alle sagen die Wahrheit.)



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