Warum habe ausgerechnet ich Dich eigentlich verdient?
- Anna M. Dittus

- 5. Nov.
- 5 Min. Lesezeit

Warum eigentlich?
Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben.
Mein Name ist Anna Dittus. Ich bin 41 Jahre alt, und diese Kolumnen-Ausgabe wird ein bisschen anders, das merken Sie gleich. Keine Alltagsbeobachtung, keine ironische Gesellschaftsanalyse, kein sprachphilosophisches Kopfkino. Diesmal wird’s … persönlich. Und zwar richtig. Denn die Frage, die ich (mir) diesmal stelle, lautet:
Warum habe ausgerechnet ich Dich eigentlich verdient?
Gleich vorweg: Es geht nicht um (m)einen Partner, keine Sorge, nix Romantisches. Sondern um den Menschen, der mich seit ich 16 bin begleitet. Den Freund, der immer da war – auch dann, wenn ich es selbst gar nicht mehr war. Den, der alles weiß, alles kennt, alles aushält. Der, der geblieben ist. Kurz gesagt: um Chris.
Sie wollen wissen, wer Chris ist? Ja, also aus heutiger Sicht würde ich ganz klar sagen: „Mein Psychologe“. Wenn ich das sage, sehe ich regelmäßig dieses leicht irritierte Nicken meines Gegenübers. Und da muss ich schmunzeln. Weil in der Tat ist er Psychologe und auch MEIN Psychologe. Doch das ist er nur einen Bruchteil unserer gemeinsamen Lebenszeit. Aber lassen Sie uns mal zurück an den Anfang gehen, ich merke schon, Sie sind verwirrt.
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht genau, wie alt Chris ist. Er sieht unglaublich jung aus – vermutlich etwa sieben Jahre älter als ich. Früher wusste man solche Dinge ja ganz genau, aber heute … na ja, Zahlen sind in unserem Alter wie Schall und Rauch, finden Sie nicht?
Ich war also 16, als ich ihn über seine Schwester kennenlernte. Sie wusste, dass ich in der Musical-AG sang, und meinte eines Tages: „Mein Bruder leitet einen Chor. Komm doch mal mit.“
Und zack – da war er. Chris. Mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen sympathisch und unverschämt charmant pendelte, mit einer Stimme (und Sie wissen ja um meine Affinität in Bezug auf gute Stimmen), die jedes Solo zu einem ganz besonderen macht, und (in dem Alter ist man ja schon ein wenig oberflächlich angehaucht) einem schwarzen New Beetle, der damals der Inbegriff von Coolness war.
Ich war sofort verknallt. Natürlich. Ich meine: Wer wäre das nicht gewesen?
Er konnte singen, Klavier spielen, war witzig, hatte denselben Humor wie ich (den muss man erst mal haben und ertragen, ich sag’s Ihnen) – und einer zurückhaltenden Ausstrahlung, die mich in jeder Chorprobe einfach zum Schmelzen brachte. Ich saß selbstverständlich in der ersten Reihe – wo sonst?
Und Chris? Der hat sich – da bin ich mir bis heute sicher – meinetwegen kurz (sehr kurz aber immerhin!) mit dem Reitsport angefreundet. Ich wiederum wollte unbedingt Klavierstunden bei ihm. Dachte, ich kann damit punkten, mein Musikschulwissen in „genie-töses Pianisieren“ fortzubilden. Was soll ich sagen: Vergessen Sie’s. Er hat alles gegeben – und ich verstanden, dass er ein (wirklich, jetzt mal ohne Scheiß) derartig musikalisches Genie ist, dass ich mich einfach nur lausig fühlte. Nach zehn Minuten brachen wir lachend ab. Und ich habe mich darauf beschränkt, ihn weiter anzuhimmeln.
Wir sind um einen Stausee Inline-Skaten gegangen – und ich erinnere mich noch genau, wie er sagte: „Die denken jetzt bestimmt, du scheuchst deinen Freund ganz schön um den See.“
Und wissen Sie was? Ich war glücklich.
So richtig jugendlich, unreflektiert glücklich.
Wir haben Sternschnuppen angeschaut, uns über dieselben Leute aufgeregt, dieselben gemocht. Wir haben gelästert wie Weltmeister, Wein getrunken (ich erinnere mich beim Schreiben gerade an meine erste UND EINZIGE betrunkene Autofahrt), Pläne geschmiedet. Einfach eine geile Zeit gehabt. Über Jahre.
Und als ich irgendwann zuhause ausgezogen bin, verloren wir uns aus den Augen – aber nie aus den Herzen. Sie kennen das, oder? Diese Menschen, die einfach dazugehören, egal, wie lange man sich nicht sieht?
Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass Chris sich geoutet hatte. Und plötzlich war alles klar. Warum er nie flirtete. Warum er bei unserem Kurzurlaub keinen einzigen Annäherungsversuch startete. Dass er sich nicht getraut hat, mir zu sagen, dass ich einfach das falsche Geschlecht für ihn habe, und ich mich nicht getraut habe, einfach mal Tacheles zu reden, macht unsere Geschichte im Rückblick nur schöner. Er war mein erster großer Schwarm. Und wurde mein längster Freund.
Ich habe das damals übrigens nie kommentiert. Nie etwas gesagt wie: „Ach so, schwul also.“
Weil es ab diesem Moment einfach zu ihm gehörte – so selbstverständlich wie seine zwei Hände, seine blonden Haare und seine Brille. Fertig. Kein großes Ding – einfach Chris, wie Chris eben ist.
Wie es im Leben so spielt, haben wir irgendwann auch einen gemeinsamen Freund beerdigen müssen. Ein Unfall, viel zu früh, viel zu sinnlos. Und als mir damals diese beschissene Endlichkeit des Lebens so richtig bewusst wurde, habe ich Chris “gestanden”, dass ich vor Jahren unsterblich in ihn verliebt war. Und dass ich das – nur fürs Protokoll – einfach mal erwähnt haben wollte. Weil ich will, dass er es weiß. Er hat mich nur angelächelt und gesagt: „Das wusste ich immer.“ Tja. Und in diesem Moment war alles noch richtiger als ohnehin.
Und dann – nach ein paar Jahren, in denen wir uns selten schrieben und noch seltener trafen – stand ich plötzlich wieder vor ihm.
Ich brauchte Hilfe. Nicht irgendwelche Hilfe von irgendjemandem. Sondern SEINE Hilfe. Weil er mich kennt – und ich ihm vertraue. Schon immer. Und Chris? Chris war da. Ohne Fragen, ohne Vorwürfe, ohne „Wo warst du all die Jahre?“ Einfach da.
Seitdem ist er wieder in meinem Leben – nicht als Jugendliebe, sondern als Freund, als Halt, als Mensch, bei dem mir nichts peinlich ist, dem ich alles sagen kann. Und eben als mein Psychologe. Er kennt meine hellen Seiten, meine dunklen und wahrscheinlich auch ein paar Schattierungen dazwischen, die selbst mein Spiegel noch nie gesehen hat. Und obwohl sich bei unseren Gesprächen zurzeit oft alles um mich dreht (und ja, das darf es manchmal auch),
will ich diesmal ihm etwas zurückgeben.
Diese Kolumne ist für Dich, Chris.
Und stellvertretend für alle längsten Freunde dieser Welt. Die, die Ihnen die Stange halten und die, die sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Sie verlassen können. Für die, die uns begleiten, egal wie viele WhatsApps, Umzüge oder Lebensphasen dazwischen liegen. Für die, die man nie wirklich verliert.
Und – Hand aufs Herz – haben Sie so jemanden? So einen Menschen, der schon alles von Ihnen weiß, Sie seit Urzeiten „erträgt“?
Ich verrate Ihnen etwas: In dem Moment, in dem ich das hier tippe, ist es natürlich nicht Sonntag in der Früh. Ich liebe ja Listen, Pläne und Strukturen. So kurzfristig-waghalsige Dinge sind, wenn es sich vermeiden lässt, ja gar nicht mein Ding. Wie Sie wissen. Nein, es ist Mittwochnacht um 1:09 Uhr. Morgen muss ich arbeiten. Aber ich bin hellwach. Weil ich einfach dankbar bin. Für diesen Menschen.
Und weil vielleicht, ganz vielleicht, auch Sie so jemanden haben. Jemanden, der schon viel zu lange auf Ihren Anruf wartet. An den möchte ich Sie erinnern.
Tun Sie’s einfach.
Rufen Sie an. Schreiben Sie. Fahren Sie hin.
Sagen Sie Danke.
Und wenn Sie wollen, sagen Sie auch:
„Ich hab Dich echt nicht verdient – aber ich bin unendlich froh, dass Du trotzdem da bist.“
Herzlichst,
Ihre Anna Dittus
(41, die ihren längsten Freund unglaublich lieb hat und sich dem therapeutischen Wert guter Freunde wohl bewusst ist.)



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