Warum sagen wir eigentlich dreimal Tschüss – und gehen dann doch nicht?
- Anna M. Dittus

- 11. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Okt. 2025

Warum eigentlich – Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben
Mein Name ist Anna Dittus. Ich bin 41 Jahre alt, vermutlich irgendwo zwischen akribischer Lebensanalyse und gepflegter Realitätsflucht steckengeblieben. Herzlich willkommen zur dritten Ausgabe meiner Kolumne. Heute zur Klärung folgender Frage:
Warum sagen wir eigentlich dreimal Tschüss – und gehen dann doch nicht?
Hand aufs Herz: Verabschiedungen unter uns Mitteleuropäern verlaufen selten effizient. Wir sagen "Tschüss", dann sagt der andere "Tschüss", dann wieder wir, dann noch ein "Mach’s gut" und ein "Bis bald" – und obwohl alle Beteiligten längst zur Tür gedreht stehen, zieht sich das Ganze wie zäher Kaugummi in einer sommerheißen Hosentasche. Auch ganz hippe Versionen wie „Bis Baldrian“ oder „See you soon, Sailor Moon“ machen das Ganze nicht besser. Zugegebenermaßen witziger, solange man das geeignete Gegenüber hat – aber in jedem Fall nicht kürzer!
Warum ist das so? Einfach so? Oder Höflichkeit? Oder einfach die unterschwellige Hoffnung, dass der andere vielleicht doch noch etwas Spannendes sagt wie: "Ach, übrigens, ich habe da noch zwei Karten für Bruce Springsteen – willst du mit?"
Ich erinnere mich noch sehr genau an einen Abend mit meiner Freundin Steffi bei einem kleinen Italiener – ein echter Geheimtipp mit Steinofenpizza zum Niederknien. Der Ofen stand direkt am Eingang, was bedeutete: Der Pizzabäcker war der erste Mensch, den man sah – und der letzte.
Er sagte beim Eintreten freundlich „Ciao“, wir erwiderten „Ciao“. Beim Verlassen wieder er „Ciao“, wir „Ciao“, darauf er "Ciao-ciao", wir völlig irritiert nochmal „Ciao“ und er nochmal „Ciao“. Ich schwöre, wir würden heute noch dort stehen, wenn wir uns nicht mutig einfach umgedreht und das Lokal verlassen hätten. Und draußen erst einmal richtig losgeprustet haben. Ich denke, Sie können es sich vorstellen. Seitdem sagen Steffi und ich in besonders rührseligen Momenten der Verabschiedung: Ciao, ciao, ciao-ciao-ciao, ciao. Und es fühlt sich jedes Mal an wie ein kleines Opernfinale.
Ach, und kennen sie die Sache mit dem Verabschieden auf Partys? Wir haben alle diesen einen Freund / diese eine Freundin, der / die völlig motiviert aufsteht, in die Hände klatscht und so etwas sagt wie „So, ich mach mich mal auf den Weg, morgen früh geht der Wecker!“ – und während er oder sie sich also ordnungsgemäß verabschiedet und die Jacke vom Haken nimmt, werden am anderen Ende des Raums alte Bekannte entdeckt, von denen man sich verabschieden möchte. Fünfzehn Minuten später dann dasselbe bei der nächsten Runde, man setzt sich, führt tiefsinnige Gespräche – mit Jacke auf dem Schoß. Und schwupps, ist eine Stunde rum. Witzig zu beobachten – solange man nicht der Fahrer dieser Person ist und selbst dringend nach Hause will (so wie ich in den meisten Fällen Fahrerin und Heimwollerin bin, ich weiß also, wovon ich rede!). Aber ja, der sogenannte „Party-Tschüss-Parcours“ – auch ein gesellschaftliches Phänomen, das seinen Platz in dieser Kolumne in jedem Fall verdient hat.
Am Telefon geht das übrigens auch. Es gibt Menschen (true story: meine Mutter!), die die hohe Kunst der Mehrfachverabschiedung perfektioniert haben. Alles beginnt ganz normal. Sie sagt "Tschüss", ich sage „Tschüss“ und bevor ich das Handy vom Ohr nehme, sagt sie irgendeine Abwandlung wie "Tschüssi!", worauf ich dann etwas irritiert nochmal „Tschüss“ sage – und sie dann erneut mit "Tschüss!" weitermacht. Dieses "Tschüss-Pingpong" kann sich locker bis in die siebte Runde ziehen. Ich will ja auch nicht „einfach so auflegen“, Sie verstehen?
Nun stellt sich mir die Frage beziehungsweise gebe ich diese dann auch gleich weiter an Sie: Was sagt das über uns aus? Keine Lust auf Stille im Telefon? Noch nicht müde? Ist es (Achtung, tragisches Element) die Angst vor dem endgültigen Abschied? Die Unfähigkeit, Dinge einfach mal rund zu beenden? Oder – ganz banal – einfach lieb gemeint?
Denn eigentlich ist es doch schön, dieses kleine Ritual des nicht-endenden Abschieds. Es zeigt: Wir hängen noch ein bisschen. Am Moment. Am Menschen. Am Pizzaofen. Es fällt uns eben schwer, kurz und knapp tschüss zu sagen, wenn es gerade schön war. Und das ist – mal ganz nüchtern betrachtet – vielleicht gar nicht so schlimm.
In diesem Sinne: Bleiben Sie mir gewogen. Oder wie meine Freundin Steffi und ich sagen würde: Ciao, ciao, ciao-ciao-ciao, ciao.
Herzlichst, Ihre Anna Dittus (41, sagt Tschüss – meint aber: Bleiben Sie bitte noch ein kleines bisschen.)



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