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Warum können wir Menschen eigentlich nicht lieb zueinander sein?

  • Autorenbild: Anna M. Dittus
    Anna M. Dittus
  • 11. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Okt. 2025

Warum eigentlich – Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben


Mein Name ist Anna Dittus. Ich bin 41 Jahre alt, vermutlich irgendwo zwischen akribischer Lebensanalyse und gepflegter Realitätsflucht steckengeblieben. Herzlich willkommen zur zweiten Ausgabe meiner Kolumne. Heute zur Klärung folgender Frage:


Warum können wir Menschen nicht einfach lieb zueinander sein?


Das Erste, was viele von uns morgens erleben, ist: der unwirsche Umgangston beim Bäcker. Kein „Guten Morgen“, kein Lächeln. Nur ein mürrisches „Wer kommt?“. An der Tankstelle läuft es auch nicht besser. Was bricht man sich ab, wenn man „Guten Morgen. Zapfsäule 3 bitte, ich würde mit Karte zahlen.“ sagt, anstelle „Drei!“ zu grummeln und unmotivierte Bewegungen mit der EC-Karte vollführt. Vielleicht ist das ja auch nur ein Regionalphänomen – aber mal ehrlich: Wie oft haben Sie heute schon gelächelt? Oder gelacht?

Studien sagen, dass Kleinkinder durchschnittlich 400-mal am Tag lachen. Vier-hundert-mal! Erwachsene? Wenn’s gut läuft: 20-mal. Was, bitte schön, machen wir die restlichen Stunden des Tages? Grimmig gucken? Oder was ist das Gegenteil von Lächeln? Sicher nichts mit guter Laune. Ich frage mich: Wann genau haben wir das Lächeln verlernt? Und warum ist es so schwer, einfach mal… lieb zu sein? Ganz banal. Ganz menschlich. Ohne Businessplan, ohne Berechnung dahinter. Also ich sehe mich mit 41 sicher nicht als alt an, aber an dieser Stelle juckt es mir in den Fingern zu schreiben: „So nett wie früher.“ Verstehen Sie? Die „Älteren“ unter Ihnen verstehen es sicher!


Ich möchte Ihnen dazu eine Geschichte erzählen. Eine wahre. Sie beginnt am Flughafen – und endet nicht mit einem Happy End, aber mit Gummibärchen, Taschentüchern, einer Stewardess mit Herz und einem Engel. Echt jetzt! Einfach weiterlesen. Und keine Sorge, ich wurde nicht irgendwann ganz unbemerkt zu Eso-Tante.


Damals war ich in einer Stadt, die flug-weit von meinem Zuhause entfernt liegt. Eine Stadt, die ich geliebt habe – oder vielleicht habe ich nur den Menschen dort geliebt. Jedenfalls: Ich war dort, für ihn. Habe alles für ihn getan. Geliebt, gehofft, geplant. Lief an diesem Tag beziehungstechnisch eher suboptimal. Gründe? Privatsache. Reicht zu wissen: Ich stand mit Nervenzusammenbruch am Flughafen. Tränen. Zittern. Herzschmerz des Todes.

Die Mitarbeitenden beim Sicherheitscheck sahen – Achtung, tragisches Element – mein Elend. Fragten leise, ob sie etwas für mich tun könnten. Ich schüttelte nur den Kopf. Was hätten sie auch tun sollen? Dann sagte einer: „Ich hoffe, Sie behalten die Stadt trotzdem in schöner Erinnerung. Und uns. Wir sind eigentlich ganz nett.“

Ich habe – natürlich – noch mehr geweint.


Nach der Kontrolle setzte ich mich irgendwo auf den Boden in der Wartehalle. An die Wand gelehnt, den Kopf auf den Knien. Weinen in Dauerschleife. Irgendwann kam eine Frau. Fragte: „Geht’s Ihnen gut?“ Ich sagte nur: „Liebeskummer.“ Sie drückte meine Hand. Ich versicherte ihr, dass sie nichts tun könne. Sie nickte, stand auf – und kam Minuten später mit einem Päckchen Gummibärchen aus dem Duty Free zurück. Sie glauben nicht, wie viel Herz in so einem kleinen Geschenk stecken kann.


Und dann – als ich wirklich dachte, ich hätte alles durchgeweint – kam ein Mann. Etwa in meinem Alter. Er reichte mir wortlos ein Päckchen Taschentücher. Keine zehn Minuten später erzählte ich ihm meine ganze Geschichte. Herz offen. Seele entblößt. Wissen Sie, was er sagte? Dass er seine große Liebe ebenfalls verloren hatte. Aus ganz anderen, dramatischen Gründen. Wirklich tragischen Gründen. Aber andere Geschichte. Könnten wir an anderer Stelle noch einmal aufrollen.


Dann: Boarding. Ich stieg ein, saß irgendwo zwischen Fremden. Der Blick aus dem Fenster: salzig-nass. Die Stewardess kam. Fragte, ob sie etwas für mich tun könne. Ich verneinte. Minuten später tippte sie mich an: Ein Mann, ein paar Reihen hinter mir, hätte keinen Sitznachbarn. Ob ich mich umsetzen möchte. Ich drehte mich um – da war er. Der Mann mit den Taschentüchern.


Ich setzte mich zu ihm. Die Stewardess brachte mir – obwohl es keinen Bordservice gab – Apfelschorle und Schokoriegel. Zucker mache schließlich glücklich. Ich weiß nicht, was daran am Ende machte, dass ich mich ein klein wenig besser fühlte. Irgendwie zuversichtlicher. Aber ich weiß: Diese drei Stunden haben mir gezeigt, wie unglaublich viel Kraft in kleinen Gesten steckt.

Ich frage mich bis heute: Habe ich vielleicht all meine „lieben Menschen“ an diesem einen Tag verbraucht? Gibt’s da ein Kontingent? Denn wenn ich mir den Alltag so anschaue, sehe ich oft eher das Gegenteil: Unmut, Ungeduld, Unfreundlichkeit.


Warum, frage ich Sie, fällt es uns so schwer, der Kassiererin ein Lächeln zu schenken? Warum hupen wir los, sobald es an der Ampel grün wird? Warum sehen wir das Servicepersonal im Restaurant eher als Prellbock anstelle eines Menschen, der uns einen schönen Abend bei leckerem Essen und kühlen Getränken schenken möchte? Warum antworten wir auf ein „Wie geht’s?“ nicht ehrlich – oder wenigstens freundlich?

Ich meine nicht diese aufgesetzte Höflichkeit à la „freundliche Grüße“ bei gleichzeitig passiv-aggressiver E-Mail. Ich meine echtes, aufrichtiges Miteinander. Liebsein eben.

Vielleicht, weil wir denken, es kostet zu viel Kraft. Vielleicht, weil wir nicht glauben, dass es zurückkommt. Vielleicht, weil wir nicht gesehen werden wollen – nicht verletzlich wirken wollen.


Aber was, wenn doch? Was, wenn ein kleines Lächeln beim Bäcker den Unterschied macht? Was, wenn ein „Wie geht’s Ihnen wirklich?“ den Tag eines anderen rettet? Und was ist, wenn auf einmal alle zurücklächeln? Oder noch besser: Mit dem Liebsein beginnen?

Ich weiß, dass ich es nicht weiß. Aber ich weiß, wie ich mich damals gefühlt habe – dank wildfremder Menschen. Ich war nicht mehr ganz allein. Und das war alles, was ich in diesem Moment gebraucht habe.


Der Mann mit den Taschentüchern hat mir übrigens seine Telefonnummer gegeben. Er hat sich meine Nummer diktieren und es dann bei mir klingeln lassen. Dann ging er zu seiner Bahn. Ohne mir seinen Namen zu verraten. Ich habe ihn unter „Gabriel“ abgespeichert. Wie den Engel. Wir haben nie geschrieben, nie telefoniert. Aber immer, wenn ich in meinem Telefonverzeichnis bei Gabriel vorbeiscrolle, muss ich lächeln.

Also frage ich Sie: Wollen wir nicht ein bisschen öfter… lieb sein?


Herzlichst, Ihre Anna Dittus(41, aquamarin-blickend, gummibärchenerprobt – dank liebenswerter Flughafen-Wunderwesen mit Apfelschorle und Herz.)

 

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