Warum schreibe ich eigentlich?
- Anna M. Dittus

- 11. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Okt. 2025

Warum eigentlich – Mit aquamarin-blauen Augen durchs Leben
Mein Name ist Anna Dittus. Ich bin 41 Jahre alt, vermutlich irgendwo zwischen akribischer Lebensanalyse und gepflegter Realitätsflucht steckengeblieben. Herzlich willkommen zur allerersten Ausgabe meiner Kolumne. Heute zur Klärung folgender Frage: Warum schreibe ich eigentlich?
Ich sitze in meinem dunkelgrünen Lesesessel. In meinem Rücken ein aquamarin-blaues Kissen, über meinen Beinen eine aquamarin-blaue Decke. Warum ich dieses „aquamarin“ am „blau“ so betone, fragen Sie sich? Liegt daran, dass der liebste Mensch der Welt sagt, meine Augen seien genau so. Aquamarin. Nicht grau, nicht blau, nicht sonst irgendwas. Aquamarin. Das ist wichtig. Für ihn. Und für mich. Aber darüber reden wir später mal. Vielleicht. Zurück zu mir in meinem Sessel. In dem ich sitze. Auf meinem Schoß: der Laptop. In meiner Hand: ein grünes Red Bull. Ja, das grüne. Aus Prinzip. Wegen des Geschmacks. Nicht wegen der Farbe. Ja, richtig – die wäre nur wichtig, wäre sie aquamarinblau.
Ich schaue also auf das Tal, das sich unter meinem Fenster ausbreitet wie ein Gemälde, das sich selbst malt – bis hin zu den Bergen am Horizont. In meinem Kopf die Frage: Warum schreibe ich eigentlich? Die Frage kam von einem Autorenkollegen. Instagram-Kommentar. Harmlos, dachte ich. Und dann: Denkpause deluxe. Mehrere Tage lang. Laptop auf den Knien. Blick ins Tal. Red Bull intravenös. Heute für ihn. Für Sie. Für mich: die Antwort. Ich schreibe, weil mein früheres Ich – dieses „Verdammt, ich hab bald Abitur und muss irgendetwas Großartiges leisten“-Ich – nichts anderes wirklich gut konnte. Außer reiten. Aber das ist ein anderes Kapitel. Spoiler für alle, die es nicht wissen: Reiten als Beruf bedeutet meistens, auf die Pferde zu steigen, auf denen sonst niemand reiten will. Bedeutet auch: Hinfallen mit Ansage. Immer wieder. Und dann wieder. Schreiben hingegen: sitzen, tippen, löschen, neu tippen. Weniger Blutergüsse. Dafür mehr Selbstzweifel. Jeder hat so seine Prioritäten. Okay, zugegeben: Schreiben ist viel mehr.
Ideen kreieren. Ideen wieder verwerfen. Protagonisten erschaffen. Protagonisten wieder verändern. Szenen erschaffen. Szenen wieder abschaffen. Hm, ja, mehr Selbstzweifel. Aber ich greife vor. Warum sagen Sie denn nichts? Ich muss Sie doch mit zu den Anfängen nehmen – nicht gleich in mediasres. In der Schule war Deutsch mein einziges Lieblingsfach. Latein mochte ich, bis wir mit der Lektüre von Cäsars „De bello Gallico“ begonnen hatten. Ab diesem Moment fragte ich mich (schon damals): Warum eigentlich? Aber auch dieser Sachverhalt steht heute nicht zur Debatte. (Übrigens: „Debatte“ kommt vom lateinischen batuere – bedeutet „schlagen“. Falls Sie mal unnützes Wissen für Small Talk brauchen.)
Deutsch also. Mein Fach. Dass dem so war, verdanke ich niemand anderem als meiner Mutter. Sie ist Grundschullehrerin. Und niemand hat in der kleinen, blonden, stur- und trotzköpfigen, bestenfalls semi-motivierten kleinen Anna so viel gesehen wie sie. Sie wusste: Wer so viel liest, kann auch schreiben. Denn gelesen habe ich wie der Teufel. Seit meinem fünften Lebensjahr. Jedes Kinderbuch, das mir in die Hände fiel. Stundenlang saßen wir am Esstisch. Vor dem linierten Schreibheft. Ich wollte raus. Zu den Pferden. Sie wollte, dass ich den Unterschied zwischen Wörter notieren und Geschichten schreiben verstehe. Sie hat sich durchgesetzt. Zum Glück. In diesem Sinne: Danke, Mama. Von Herzen. Ohne dich würde ich jetzt vermutlich Gebrauchsanweisungen für IKEA übersetzen. Oder eben Blutergüsse sammeln.
Es kam die Oberstufe und mit ihr ein Deutschlehrer, der Kafka vermutlich nur kannte, weil er ihn bei einem Schüleraufsatz aufgeschnappt hatte. Dieser Mann hat mir mit einer beneidenswerten Gleichgültigkeit jegliche Lust am Schreiben austreiben wollen. „Ausreichend.“ „Mangelhaft.“ Keine besseren Noten. Kein Talent. Germanistik wollte ich studieren. „Weißt du, Anna, ich wollte eigentlich Arzt werden. Jetzt bin ich Deutschlehrer.“ Kein Witz. Originalzitat. Meine Mutter ist Zeugin. Ironie des Schicksals: Ja, er zwar der erste Vollidiot meines Lebens. Was soll ich Ihnen sagen? Er hat mein Leben zwar auf einen Umweg geleitet – aber es nicht geschafft, mich von meinem Ziel abzubringen.
Ich studierte zunächst Pferdewissenschaften. Ja, das gibt’s. Und nebenbei? Praktika bei Pferdezeitschriften. Erste Artikel. Erste Honorare. Ja, stellen Sie sich vor, da gab es plötzlich Menschen, die für meine Texte zahlten. Und dann war es plötzlich da: Dieses Gefühl. Ich kann das. Ich darf das. Ich will das. Ich studierte Journalistik, wurde Texterin, kümmerte mich um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, brauchte, mir selbst die sozialen Medien bei, bildete mich im Marketing fort. Ich durfte und darf mein Geld damit verdienen, was ich, hätte ich einen anderen Beruf ergriffen, wohl in meiner Freizeit getan hätte: Schreiben.
Und dann: Corona. Sebastian Fitzek. Kurzgeschichtenwettbewerb. Isolation, Fantasie und ein bisschen Wahnsinn – zack! – „Die Nachtschicht“, meine erste Kurzgeschichte. Dann mehr. Und mehr. (Scrollen Sie ruhig mal durch meinen Feed – man muss seine Sünden ja irgendwo parken.) Zwei Kinderbücher. Lesungen in Kindergärten, Schulen, Kinderheimen. Ein beendeter Thriller auf dem hoffentlich erfolgreichen Weg in einen Verlag. Ein weiterer begonnener. Und jetzt? Jetzt sitze ich wieder hier. Im Sessel. Mit Aussicht. Mit Laptop. Und frage mich: Ist jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt für eine Kolumne? Für Menschen, die irgendwo zwischen Red Bull und Romankonzept stecken. Für Menschen, die gern über das Leben nachdenken, bis es weint – oder wenigstens kichert. Für Menschen, die sich von absurden Gedanken gerne mal in absurde Richtungen ziehen lassen.
Was meinen Sie? Haben Sie Lust, mit mir gemeinsam über das zu sinnieren, was uns das Leben so hinwirft? Zu überlegen, warum die kleinen Dinge im Leben so groß sind? Von Kindheitserinnerungen über Kaffee-, Tee- oder Red Bull-Dramen bis hin zu „ANNA“-lytischen Totalausfällen? Ich hätte Lust. Und schreiben werde ich sowieso. Ob jemand liest – oder bloß guckt, ob die Augen wirklich aquamarinblau sind. Aber Sie lesen ja noch. Also … vielleicht wird das ja was zwischen uns.
Herzlichst, Ihre Anna Dittus (41, aquamarin-blickend, schreibend – trotz oder gerade wegen eines pädagogischen Totalausfalls in der Oberstufe.)



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