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Roadtrip

Aktualisiert: Feb 17


Wisst Ihr, so ein kleiner Roadtrip ist schon etwas Feines. Hab` mir das angewöhnt. In regelmäßigen Abständen packe ich meinen Rucksack, und dann geht`s los – so wie heute. Ob ich mir vorher ein Ziel stecke? Nein, eigentlich nicht. ´Raus aus der Haustüre und dann passiert eigentlich alles ganz spontan. Fährt ein leeres Taxi vorbei, winke ich es zu mir. Ich frage den Fahrer, wo er denn jetzt hingefahren wäre, wenn ich nicht gewunken hätte – und dahin lasse ich mich dann mitnehmen. Wenn kein Taxi kommt, laufe ich zur Bushaltestelle und steige in die erste Linie ein, die ´ranfährt. Wenn ich Glück habe, lautet die nächste Station dann ohnehin Hauptbahnhof oder Flughafen – so wie heute. Ja, und von dort aus buche ich das erste Ticket zum nächsten Abflug oder zum ersten abfahrenden Zug. Es ist immer eine Reise ins ungewisse. Diesmal geht es nach Wien.


Klar, manchmal geht der Trip auch nur in den nächsten Vorort. Kommt eben auf die Route des Taxis oder des Busses an. Muss aber nichts Schlechtes bedeuten. Auch dort habe ich schon interessante Männer getroffen, für die sich mein kleiner Ausflug gelohnt hat. Doch, das kann ich ganz sicher sagen. ´Türlich, bei solchen Ausflügen bin ich viel schneller am Ziel und damit auch schneller wieder zuhause, als wenn ich beispielsweise auf Hawaii lande. Das war tatsächlich mein weit entferntestes Ziel. Ich kann Euch sagen – da müsst Ihr mal gewesen sein. Die Cocktails, der Strand… Ja und eben die heißen Surfertypen. Da hat man ganz schön große Auswahl, das kann ich versichern. Schon anders, als wenn die Reise bereits in Pusemuckel endet. Aber heute geht es ja zumindest in eine Großstadt. Der Flug nach Wien ist überschaubar – in 30 Minuten werde ich landen.


Jedoch – um es nochmal zu betonen – das Ziel ist wirklich zweitrangig! Kommt echt auf die Männer an! Es gab Reisen, da habe ich den perfekten Kerl schon entdeckt, noch lange, bevor ich angekommen bin. Ihr wisst ja, wie so etwas ist. Auf einem langen Flug kommt man unweigerlich mit seinem Sitznachbarn ins Gespräch. Oder man verquatscht sich mit dem Chefsteward, wenn man sich mal die Beine etwas im Gang vertritt. Ein Wort gibt das nächste – spürt man irgendwann, ob es passt oder nicht. Will meine Zeit ja auch nicht sinnlos verschwenden. Wenn ich schon mal unterwegs bin, muss das schon so laufen, wie ich mir das vorstelle. Heute habe ich noch niemanden kennengelernt, aber das wird noch! Bin zuversichtlich!


Was ich dann so mache auf meinen Reisen? Naja, um ehrlich zu sein, läuft das immer gleich ab. Im Rucksack sind immer die selben Dinge: Waschzeug, ein paar Outfits zum Wechseln… Ich reise übrigens grundsätzlich mit Handgepäck. Muss ich schon nicht kostbare Zeit an dem doofen Kofferband verplempern. Ist vor allem von Vorteil, wenn ich schon im Flugzeug einen kennengelernt habe. Will ja nicht, dass der auf mich Warten muss oder ich ihn gar verliere, weil er schon zum Ausgang eilt. Aber heute habe ich Zeit. Schlendere gemütlich durch die Flughafenhalle. Da sehe ich ihn. Groß, dunkelhaarig, nicht zu dünn und nicht zu dick, drahtiges Erscheinungsbild – genau mein Typ. Ein kleiner Schmetterling setzt sich in meiner Magengegend in Bewegung. Ein gutes Zeichen, müsst Ihr wissen! Der Schmetterling hat mich noch nie getrogen. Also, ran an den Mann – wie es so schön heißt.


Was jetzt passiert, beherrsche ich aus dem FF: Hinterhereilen, das Flughafengebäude nahezu zeitgleich mit ihm verlassen, dann stolpern, ihn mit meinem Rucksack anrempeln – zack kommen wir ins Gespräch! Frage ihn, wohin er so muss, schließe mich seinem Ziel an, wir teilen uns ein Taxi – läuft. Wie es der Zufall so will, steige ich im gleichen Hotel ab. So eine Sahneschnitte darf ich nicht mehr aus den Augen verlieren – das müsst Ihr schon verstehen. Lasse ihn zuerst einchecken. Warte, bis er außer Hörweite ist. Frage an der Rezeption nach, ob zufällig noch eine Suite frei ist. Alles schon 100-mal gemacht. Klappt auch heute. Der Rest läuft ebenfalls immer gleich ab. Ab auf`s Zimmer, aber nicht, ohne vorher an der Rezeption zu fragen, in welchem Zimmer der gutaussehende Herr von eben residiert. Ich müsse ihm noch Geld für die Taxifahrt geben – also muss ich natürlich nicht, aber wie sonst soll ich an die Zimmernummer kommen? Routine, ich sag` es Euch, alles Routine.


So, erst einmal ab unter die Dusche. Haare waschen, Beine rasieren, Gesicht peelen – was tut frau nicht alles. Danach Körper eincremen, die Haare stylen, etwas Rouge auf die Wangen. Ab in die Dessous, ´rein in die Feinstrumpfhose und darüber dann das Kleine, Schwarze. Ein Blick in den Spiegel: Sehe heiß aus, wie immer! Nun noch die dezenten Perlenohrringe, die silberne Kette und etwas Parfum. Fertig! Hab` ja für jeden Anlass das passende Outfit im Rucksack! Ihr wisst ja: Routine. Ab in die Lobby. Am Empfang erfahre ich, dass der Herr noch auf seinem Zimmer ist. Nun heißt es warten.


Gut, dass Ihr heute mit dabei seid – er steigt so eben aus dem Lift. Es gab auch schon Roadtrips, da musste ich mich stundenlang einem Glas Prosecco nach dem anderen widmen, bis er endlich auftaucht. Aber heute läuft`s perfekt. Er kann meinem Charme natürlich nicht widerstehen, lässt sich von mir ins Restaurant begleiten. Auch hier gilt: Die Location und der Ablauf sind völlig nebensächlich. Ob erst ins Zimmer und aufhübschen oder gleich auf einen Burger oder einen Drink – ganz egal. Heute ist es besonders nobel, habt Ihr Euch gut ausgesucht. Jetzt folgt wieder die Routine. Spannendes Tischgespräch, ein paar Gläser Wein. Es folgen tiefere Blicke, das zufällige aneinander Reiben unserer Füße. Mehr muss ich Euch nicht sagen, oder?


Wir landen unweigerlich im Bett. Wie immer. Denn entweder ist er so heiß, dass er mich gleich in meine Suite begleitet oder ich stibitze ihm unbemerkt etwas, was ich ihm dann auf`s Zimmer bringe (Ihr erinnert Euch? Immer nach der Zimmernummer fragen!)… Auch hier lässt sich das Luxushotel problemlos durch eine kleine Pension ersetzen. Das tut der Sache keinen Abbruch, glaubt mir. Ich kann auch diesmal mit meiner Wahl zufrieden sein. „Gut im Bett“ wäre untertrieben, wenn Ihr mich fragen würdet. Zweimal noch zu wenig, um unsere Nacht zu beschreiben und das Wort „einfühlsam“ würde seinen Fähigkeiten nicht ansatzweise gerecht.


Ich lächle, als ich am nächsten Morgen meine Suite bezahle, mir ein Taxi rufe und zurück zum Flughafen fahre. Ich lächle immer noch, als ich auf der öffentlichen Toilette meine Perücke und die falschen Wimpern abnehme. Auch, als ich meinen gefälschten Pass, mit dem ich im Hotel eingecheckt bin, zerschneide und im Klo herunter spüle, lächle ich noch. Selbst sein leerer Blick an die Zimmerdecke, das blutverschmierte Laken und der scharfe Draht, den ich vor dem Flughafen in einem Abfalleimer entsorgt hab`, lassen mich lächeln. Ihr wisst ja: alles Routine! Ach, so ein Roadtrip ist einfach etwas Feines! Bis zum nächsten Mal…


Anna M. Dittus

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