• Die Textgestaltende

Kindheitserinnerungen


Ja, was soll ich sagen – ich selbst habe keine Kinder. Ihr fragt Euch, warum dem so ist? Die Antwort darauf ist ganz einfach: Aus gutem Grund, denn ich bin mit mir aufgewachsen. Ihr wollt mehr wissen? Na gut, Eure Entscheidung…


Meine Mama und ich waren von Beginn meines kleinen Lebens an unzertrennlich. Erzählungen zufolge wollte ich bei niemand anderem sein, nur bei ihr! In den ersten drei Jahren war das wohl so, ohne dass ich mich selbst daran erinnern kann. Dann kam der Tag, an dem sie meinen Bruder zur Welt brachte; der erste Tag meines Lebens, der mir im Gedächtnis blieb. Als meine Mama deshalb ins Krankenhaus kam, musste ich bei meiner Oma bleiben und weiß noch zu gut, dass ich das alles andere als toll fand.


Obwohl ich meine Mama über alles liebte, kam ich charakterlich wohl eher nach meinem Papa. Ich konnte schon früh stur, dickköpfig und eigensinnig sein – und das solltet Ihr Euch merken! Zugegeben, wenn ich mir Bilder von früher ansehe, kann auch ich es nicht leugnen: Ich war ein zuckersüßes Kind. Große, blaue Augen, hellblonde Löckchen – einfach zauberhaft! Meine Eltern waren nicht reich, aber sie waren sehr fleißig und ehrgeizig! Das bedeutete unweigerlich, dass mein Papa sehr viel arbeitete. Manchmal habe ich ihn tagelang nicht gesehen. Er ging aus dem Haus, bevor ich wach war und kam heim, als ich schon im Bett lag. Mama regelte den Rest – für uns alle vier. Nebenbei erzog sie meinen kleinen Bruder und mich und versuchte, uns beiden eine tolle Kindheit zu ermöglichen. Ganz nebenbei sammelte sie für uns Dinge. Ihr möchtet wissen, was das für Dinge waren? Dazu kommen wir später!


Die Jahre vergingen und irgendwann kam der Tag, an dem ich mein Zuhause verließ. Im Gepäck hatte ich einen großen, altmodischen Lederkoffer mit zwei goldenen Schnallen. Er war schwer… und voll mit meinen Dingen. In meiner ersten Wohnung zog er in eine Dachgaube, in der nächsten unter mein Bett und in der wieder nächsten in den Keller. Dort stand er sechs Jahre, bis ich schließlich in mein Haus zog. Das war vor knapp zwei Jahren. Nach dem Umzug packte ich Kiste um Kiste aus, solange bis einzig der rote Koffer übrigbliebt. Mein Freund hob fragend die Augenbrauen, als er ihn da so stehen sah. Ganz lapidar erzählte ich ihm eben von den Dingen, die meine Mutter immer für mich sammelte. Auch er fragte, was das denn für Dinge wären. Also setzen wir uns auf den Boden und öffneten das große, alte Ungetüm.


Ding für Ding ließ ich durch meine Hände gleiten. Es fing ganz spaßig an mit Zeitungen, die an meinen Geburtstagen veröffentlicht wurden, Hefte aus der Grundschule, von mir gekritzelte Bilder, Bücher und das Teil, das dabei herauskam, als wir im Handarbeitsunterricht das Häkeln lernten. Dann folgten meine ersten Sandalen, aus rotem Leder, und ein pinkes Kleid. Ohja, an dieses Kleid konnte ich mich noch gut erinnern, ich hatte es so geliebt! Kurz darauf hielt ich einen hellblonden Zopf in den Händen – mein erster Haarschnitt. Bei meiner Kindergartentasche, auf die mein Papa in Druckbuchstaben meinen Namen geschrieben hatte, kullerten bereits die ersten Tränen über mein Gesicht. Bei der Karte, die meine Eltern selbst gestaltet hatten (Papa hatte gemalt und Mama hatte geschrieben) und die meine von ihnen so sehnsüchtig erwartete Geburt verkündete, wurde ich von heftigen Schluchzern geschüttelt. Dann schlug ich ein Tagebuch auf. In schön geschwungenen Buchstaben schrieb meine Mutter, wie sie die Zeit erlebte, als ich noch ein Baby war. Wie süß mich meine Großeltern fanden und wie stolz meine Eltern auf mich waren. Wie lieb ich lächelte und wie toll ich laufen lernte, wann mein erster Zahn in meinem Mund aufblitzte und wieviel Freude ich in ihr Leben brachte. Mein Freund musste mich ganz fest in seinen Armen halten, ich weinte und weinte und weinte…


Meine Eltern hatten sie so auf mich gefreut, hatten so große Hoffnung in mich und arbeiteten so hart, dass ich eine tolle Kindheit erleben durfte. Und ich? Je älter ich wurde, desto sturer wurde ich auch. Mit meinem Bruder verstand ich mich überhaupt nicht. Die Schule fand ich nur bis zur vierten Klasse toll. Kluge Eltern zu haben, die mit mir lernen konnten, empfand ich als nervtötend. Gut gemeinte Ratschläge hatten sie unermüdlich, nur habe ich sie nicht verstanden. Mit 13 Jahren war ich eine echte Rotzgöre. Wenn ich etwas scheiße fand – und fragt nicht, ich fand so nahezu alles scheiße – dann mussten meine Eltern das erfahren; da war ich gnadenlos. Wir ein Wirbelsturm fegte ich so nahezu über jeden Mittagstisch, unzufrieden mit mir, meinem Leben und der Welt. Ich konnte toben, schreien und bocken wie sonst nur wenige. Lief etwas nicht so, wie ich es mir vorstellte, verwandelte ich mich in eine hysterische Furie. Tag und Tag, Jahr um Jahr… Ich hätte mich selbst in ein Auto gepackt, hätte mir die Augen verbunden, wäre stundenlang mit mir durch die Gegend gefahren, um mich schließlich irgendwo im Nirgendwo auszusetzen und dann so schnell es geht das Weite zu suchen.


Was meine Eltern stattdessen taten? Sie sahen jeden Tag das Gute in mir, hatten Geduld, ließen mich ich selbst sein; sie konterten, wenn ich es verdient hatte und lachten in meinen wenigen guten Momenten, als gäbe es die vielen schlechten nicht. Und meine Mutter sammelte Dinge. Dinge, die mir zeigen, wie sehr meine Eltern mich zu jeder Zeit trotz allem liebten. Wie geht das? Ich weiß es nicht. Mittlerweile haben alle Dinge einen Platz in einer Vitrine in meinem Arbeitszimmer. Obwohl an jenem Abend meine Tränen natürlich irgendwann alle verweint waren, kommen immer wieder einmal neue; Tränen, die eine unglaublich große Dankbarkeit ausstrahlen – und Liebe! Eltern wie die meinen zu haben, ist ein unbezahlbares Gut! Und in so vielen, liebevollen Kindheitserinnerungen schwelgen zu dürfen, ebenfalls!


Fazit: Respekt an alle Eltern, die es schaffen, wohlerzogene und anständige Kinder in die weite Welt zu entlassen; und besonderen Respekt an meine! Mir persönlich ist die Gefahr dann doch etwas zu groß, dass ich mich mit einer kleinen Ausgabe meiner selbst herumschlagen musst; denn der wäre ich sicher nicht gewachsen...


Anna M. Dittus

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