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Heute in der Kolumne: Der Fitzek-Moment


Freunde des guten Lesegeschmacks, heute dreht sich alles um diesen Moment. Ihr wisst schon, diesen einzigartigen! Den, den wir alle so lieben. Den Fitzek-Moment! Welchen genau ich damit meine? Den wir auf Seite 12 verspüren? Den, an dem wir genau wissen, wer hinter der verdammten Misere steckt, mit der wir uns die nächsten hunderte an Seiten auseinandersetzen? Um ihn dann auf Seite 14 wieder zu verwerfen, um spätestens auf Seite 19 wieder auf ihn zurückzukommen? Ja gut, ich gebe zu, der ist auch gut. Aber nein, den meine ich nicht.

Denn dieser Moment ist ja alles andere als einzigartig. Da mir das bei einem Fitzek durchschnittlich allerspätestens alle 50 Seiten so geht – zugegeben, gegen Ende werden die Abstände sogar noch kürzer – habe ich diesen Moment beispielsweise beim Heimweg (400 Seiten stark) dann mindestens acht-, wohl eher fünfzehnmal. Einzigartig ist da dann doch anders.


Nein, ich rede von dem absolut einzigartigen Fitzek-Moment! Den, an dem wir nach langem Hin und Her, Zögern und Zaudern, Raten und Scheitern endlich wissen, wers war und warum er all diese grausamen Gedanken zunächst gehegt und schließlich auch umgesetzt hat. Der is super, ne?


Aber Moment, bevor ich näher darauf eingehe, eine kleine Anekdote aus meinem Fitzek-Leben; genauer gesagt, meine allererste dahingehend. Wir schreiben das Jahr 2013. Ein bisschen liebeskummer-gebeutelt feierte ich mit meiner Familie bei meinen Eltern zuhause Weihnachten. Als wären die trüben Gedanken zur schönsten Zeit des Jahres nicht schon schlimm genug: Für mich lag kein einziges Buch unter dem Tannenbaum! Und das, obwohl ich außer einem guten Buch eigentlich gar kein weiteres Geschenk gebraucht hätte. Also stöberte ich auf der Suche nach etwas Lesbarem am Vormittag des ersten Feiertags in den Geschenken der anderen herum und entdeckte „Der Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek auf Papas Stapel. Fitzek? Nie gehört – aber egal, Buch ist Buch. Dachte ich und verzog mich damit in meines Vaters Lesesessel. Am Mittagessen nahm ich noch im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte (das wollte ich schon immer mal schreiben) teil. Der Nachmittagskaffee ging aber schon komplett an mir vorbei und beim Abendessen saß ich völlig paralysiert am Tisch; litt unter den Nachwehen meines allerersten Fitzek-Moment.


Und damit wären wir ja auch schon zurück beim Thema. Ihr erinnert Euch, als ich zwei Absätze weiter oben etwas von „Der ist super, ne?“ geschrieben habe? Sorry, Herr Fitzek, auch wenn Sie heute Geburtstag haben: Nein, das war er NICHT! GAR NICHT! UNTER KEINEN UMSTÄNDEN! Gerade als Leon Naders Freundin wieder da war, wo sie hingehörte, als sich alles geklärt hatte und jeder Handlungsstrang zu einem Teil der spektakulären Lösung wurde, hauen Sie Einen raus! Den Plottwist der Plottwists. Genauer gesagt: den ersten richtig krassen Plottwist meines Leselebens (und ich lese schon, seit ich fünf Jahre alt war). Der Wahnsinn! Ich dachte wirklich ganz kurz: „Oh super, es geht doch noch weiter! Das Lesevergnügen ist noch nicht zu Ende!“ Ja, das dachte ich und blätterte um. Und dann kam … NICHTS! NICHTS!?! WARUM? Sie haben mich einfach so zurückgelassen. Ratlos, fassungslos und mit noch so vielen Fragen!


Als ich den ersten Schock verdaut hatte, verriet ein Blick ins world wide web: Anna, da gibt es noch so viele Bücher von diesem Fitzek. Wenn Du ein weiteres liest, kommst Du über diesen Moment ganz sicher hinweg. Gesagt getan. Und es kam, wie es kommen musste (ebenfalls eine Phrase, die ich sonst nie in Texten unterbringe): Ich las Fitzek um Fitzek um Fitzek; und jedes Mal passierte dasselbe; ich erlebte den Fitzek-Moment! Ob der Moment mit den Haaren in der Schublade oder der Moment, in dem wir ein Wiedersehen mit Arthur feiern, oder der Moment, in dem der geneigte Leser erkennt, dass „Sophilpatiöten“ das wichtigste Wort eines Thrillers ist, oder eben der Moment, in dem die Nacht zum Tag wird und umgekehrt – Fitzek macht es einfach immer wieder. Und ja, ich muss zugeben: Diese Ratlosigkeit nach dem Nachtwandler wuchs zunächst zu einer Faszination heran. Sie wandelte sich in Liebe. Mittlerweile empfinde ich nur noch Ehrfurcht (ein ebenfalls grandioses Wort für viel zu wenige Anlässe) gepaart mit einem klitzekleinen Stückchen Neid.


Nach all den Fitzeks in den vergangenen acht Jahren, den Aufs und Abs und vielen faszinierenden Fitzek-Momenten ziehe ich heute, an Ihrem Geburtstag, Herr Fitzek, folgendes Fazit: Ich werde wohl niemals aufhören können, ehrgeizig mitzufiebern, mit zahlreichen Schweißausbrüchen verbunden Prognosen zu stellen oder gar irgendjemandem gegenüber verlauten zu lassen, dass ich eine Vermutung hätte, wer es denn gewesen sein könnte. Auch wenn ich wirklich schon oft danebenlag und sicherlich noch oft danebenliegen werde. UND: Ich werde niemals aufgeben, mein schriftstellerisches Gehirn darauf zu trainieren, dass es vielleicht irgendwann annähernd so arbeitet wie das Ihre.


In diesem Sinne: Alles Liebe zum Geburtstag und meinen höchsten Respekt, Herr Fitzek!


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