• Die Textgestaltende

Ein nie enden wollender Albtraum


Es war einmal ein kleines Mädchen. Es wuchs ganz behütet bei seinen Eltern auf, die stets darauf achteten, dass ihre Tochter in allem, was ihm Spaß bereitete, auch gefördert wurde. Am meisten Vergnügen hatte das Mädchen am Lesen und am Schreiben. Und noch bevor sie es in die große weite Schulwelt entließen, hatten sie ihm beides perfekt beigebracht und so war sie in den ersten vier Schuljahren stets die Klassenbeste. Dieses Mädchen war ich. Kurz bevor sich entschied, in welche weiterführende Schule ich gehen durfte, trug sich folgende Szene zu. Ich war damals gerade einmal 10 Jahre alt.


1994

„Mit diesem Zwischenzeugnis kommst Du ganz sicher nach den Sommerferien ins Gymnasium!“ Papa wuschelte mir stolz durch meine blonden Haare. „Warst Du auch auf dem Gymnasium?“ Mit großen Augen schaute ich meinen Vater an. „Ja, ich war auch auf dem Gymnasium und habe mein Abitur gemacht.“ „Der Papa war sehr gut in der Schule“, schaltete sich meine Großmutter ein. „Opa und ich mussten nie mit ihm lernen, das hat er immer alles ganz allein gemacht. Er war ein wahrer Musterschüler!“


Hach, was war ich stolz. Ich durfte ich die Fußstapfen meiner Eltern treten, wie mein Vater ab der fünften Klasse Latein belegen. Doch meine Freude warte nicht für lange Zeit. Das Gymnasium bedeutete, hart arbeiten, jede Stunde in jedem Fach perfekt vorbereitet zu sein. Jahr um Jahr verging. Spickzettel zu schreiben und diese in meinen Utensilien sowie an meinem Körper zu verstecken beherrschte ich am Ende besser als jeglichen Lernstoff. Dennoch blieb wohl das ein oder andere hängen und ich absolvierte mein Abitur im Jahr 2003.


2006

Ich laufe zur Turnhalle. Es ist der Tag meines Mathematik-Abiturs. Warum um alles in der Welt laufe ich denn zur Turnhalle? Beim Betreten des von mir so geliebten Gebäudes (in Sport hatte ich immer eine sichere Eins) fällt mir auch, dass alles so aussah, als stünde ein Zirkeltraining an. Plötzlich sitze ich meinem Mathelehrer gegenüber auf einer Langbank, zwischen uns ein Würfelbecher. „Du darfst sechs Mal würfeln. Wenn Du dabei eine Sechs schaffst, hast Du Deine Prüfung bestanden. Wenn nicht – dann nicht!“ Ich würfle zum ersten Mal: eine Drei. Mit leicht zitternden Fingern packe ich den Würfel zurück in den Becher. Würfle wieder. Meine Handflächen werden feucht, als ich den Würfelbecher anhebe. Eine Vier. Ich werde hektisch. Es folgen eine Zwei, noch eine Vier und eine Eins. Verdammt, verdammt, verdammt! Nur noch eine letzte Chance. Als ich den Becher zum letzten Mal anhebe, schlägt mir mein Herz bis zum Hals. Ich kann kaum atmen. Der Becher rutscht schier durch meine schweißnassen Finger. Ich schüttle ihn. Schnell und ruckelig, höre den Würfel an die lederne Becherwand rasseln. Er rasselt, und rasselt, und rasselt…

ICH WACHE AUF, MEIN PULS RAST, ICH BIN HELLWACH, ES IST MITTEN IN DER NACHT


Die letzten Wochen vor den Prüfungen waren hart. Ich lernte für meine Verhältnisse sehr viel. Kunst, Deutsch, Religion – es lief gut. Künstler, Dichter und auch die Weggefährten Jesu beherrschte ich wie aus dem FF. Nur die liebe Mathematik bereitete mir bis zuletzt Kopfzerbrechen. Mir und meinem lieben Vater, der jeden Nachmittag das Vergnügen hatte, mit einem Teenager zu lernen, der so viel lieber seine Zeit mit anderen Dingen verbracht hätte.


2003 im Mai, zwei Wochen vor dem Abitur

„Und, wie lief es heute in der Schule? Wie war Mathe? Habt ihr noch einmal eine e-Funktion durchgerechnet?“ Ich verdrehe die Augen. Ich hasse Mathe! Ich hasse Schule! Und das verdammte Abitur übernächste Woche nervt auch völlig! Mürrisch antworte ich mit einem langgezogenen „Jaaaaaaa!“ und verdrehe die Augen. „Und, hast Du es gekonnt?“ „Naja, es ging so!“ Papa seufzte halb lachend: „Das haben wir doch jetzt so oft geübt!“ „Ich weiß ja! Ich kann doch auch nichts dafür, dass Du das immer noch kannst und ich immer noch nicht!“ So eine Scheiße, wirklich. Mein Vater beherrschte Algebra, Geometrie und Stochastik noch, als würde er jeden Tag in den Unterricht gehen und nicht, als hätte er 20 Jahre keine Schule mehr von innen gesehen. Er hatte in seinem Mathe-Abi damals tatsächlich eine 0,8 – er konnte nämlich beweisen, dass die gestellte Aufgabe so nicht lösbar war. Und ich? Naja, die nächsten zwei Wochen werde ich wohl noch ordentlich reinhauen müssen.

Naja, wir wollen ehrlich bleiben – so richtig hineingekniet habe ich mich nicht mehr. Doch das Glück spielte mir in die Karten und das, was ich am besten konnte, betrug ein Drittel der Mathematikprüfung. Das Abitur war geschafft; ABI 2003, ich war dabei!


2012

12. Klasse September: „Und in Mathe habt ihr den Herrn Wagner. Aber der ist aktuell krank!“ Ich grinse. Genial! Schule ohne Mathematik, was kann es Schöneres geben?


Oktober: „Herr Wagner ist immer noch krank, aber das holt ihr, sobald er wieder da ist, mit ihm zusammen alles nach!“ Kein Problem, denke ich. Ich lerne das einfach mit Papa. Der kann das ja.


Januar: „Wir wissen nicht, wann Herr Wagner wieder zurückkommt. Aber wir haben keinen Ersatzlehrer. Ihr müsstet also unter Euch versuchen, so gut es geht durch den Stoff zu kommen.“ Macht nichts! Ich muss demnächst einfach einmal mit Papa reden, der zeigt mir dann schon alles.


13. Klasse September: Leichte Hektik macht sich breit. Noch immer kein Mathe-Unterricht. Mist, Mist, Mist… So langsam muss ich echt mal anfangen, mit Papa zu lernen.


März: Meine Gedanken überschlagen sich. Warum vergesse ich eigentlich immer, Papa nach dem Lernen zu fragen? Wenn wir jetzt nicht anfangen, ist alles zu spät in Sachen Abitur.


April: Alarmstufe Rot: Verdammte Scheiße, ich muss unbedingt Papa fragen! Wie soll ich das Abitur denn irgendwie schaffen, wenn ich das immer vergesse?!?


Mai: Völlige, innerliche Eskalation, mein Puls zerreißt mich fast, ich schwitze und weiß weder ein noch aus: Morgen ist das Mathe-Abi und ich habe seit zwei Jahren keine einzige Zahl auch nur angeschaut…

ICH WACHE AUF, MEIN PULS RAST, ICH BIN HELLWACH, ES IST MITTEN IN DER NACHT


Der Sommer meines Lebens begann – ab Mitte Mai hatte ich keinen Unterricht mehr. Das Wetter war herrlich, Tag um Tag genoss ich meine Freiheit. Der bis dato anstrengendste Teil meines Lebens und die wichtigste Hürde in ein erfolgreiches Berufsleben war geschafft. Jetzt konnte ich machen, was ich wollte; alle Türen standen mir offen!


2003 Juni

„Haben wir alles?“ Mama schaut Papa und mich fragend an. Ich schau an mir herunter: Das Abendkleid sitzt, die hohen Schuhe auch – mehr brauche ich nicht. Papa nickt ebenfalls und hält mir seinen Arm zum Geleit entgegen. Schick sahen meine Eltern aus in Ihrer festlichen Garderobe. Papa grinst: „Also die Fleißigste warst Du ja nicht in Deiner Schulzeit, aber dafür kannst Du Dir heute ein respektables Abschlusszeugnis abholen!“ Bevor wir zu losfahren in Richtung Stadthalle zu meinem Abi-Ball wirft er mir noch einen augenzwinkernden Blick über den Rückspiegel zu: „Minimaler Aufwand, maximale Leistung!“ Wir lachen alle drei. „Ich bin stolz auf Dich!“ Damit startete er den Wagen.


Niemand fragte bis heute nach meinem finalen Notendurchschnitt. Zwei Studiengänge und etliche Praktika später tauchte ich nahtlos in das Berufsleben ein. Niemand verurteilte mich jemals wegen meiner Faulheit während der Schulzeit. Niemand zeigte überhaupt noch einmal Interesse an meinen Abiturprüfungen. Niemand außer ihm – dem Albtraum!


2021

„Und wegen CORONA kann unser Deutsch-Abitur leider nicht wie geplant an der Schule stattfinden!“ Ich schaue in die Gesichter der acht Mitschüler meines Deutsch-Leistungskurses und in das meines Lehrers – Online-Schooling. „Und wie wäre es, wenn wir uns dazu alle bei mir zuhause träfen?“ Warum höre ich mich das überhaupt fragen? Wäre es nicht besser, die Prüfung würde ausfallen? „Das wäre natürlich eine tolle Möglichkeit!“ Während die Worte meines Lehrers noch in meinen Ohren klingen, sitzen wir im nächsten Augenblick schon an lauter kleinen Einzeltischen in meinem Wohnzimmer. Vor mir liegt meine Aufgabe. Ich lese sie durch – und verstehe nichts. Ich erkenne Buchstaben, aber sie ergeben keinen Sinn. „Goethe“ kann ich erkennen. Musste ich ein Gedicht interpretieren? Warum sitzen meine Mitschüler denn so weit weg von mir? Wenn ich nur einmal auf eines ihrer Blätter blicken könnte – wenn ich nur einen kleinen Anhaltspunkt bekäme, was ich tun muss. Naja, es sind erst drei Stunden vergangen, drei bleiben mir noch. Ich blicke entsetzt auf das linierte Papier vor mir. Ich hatte bisher nichts als wirre Stichpunkte darauf gekritzelt, die anderen dagegen schon viele Seiten befüllt. Sie schrieben wie die Weltmeister. Ihre Füllfedern kratzten leise über das Papier. Ich schwitze, schaue auf die Uhr, die Zeiger rennen. Ich gehe auf die Toilette, kann auf dem Rückweg einen Blick auf das Papier meiner Mitschülerin werfen. Was schreibt sie da? Das müssen wir wirklich machen? Das ergibt doch keinen Sinn. Meine Gedanken überschlagen sich. Ich setze mich wieder. Was zur Hölle soll ich nur tun? Um was geht es hier eigentlich? Mir wird heiß, ich atme hektisch, schaue nervös auf die Uhr und schreibe „Goethe“ auf mein Blatt. Und noch einmal „Gothe“! „Goethe“, „Goethe“, „Goethe“, „Goethe“, „Goethe“…

ICH WACHE AUF, MEIN PULS RAST, ICH BIN HELLWACH, ES IST MITTEN IN DER NACHT – und das sicher nicht zum letzten Mal…

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