• Die Textgestaltende

Ein außergewöhnliches Jobangebot


„Und dann hat er Dich einfach gefragt, ob Du das so mir nichts, Dir nichts, wie soll ich sagen, erledigen kannst?“ Clara wusste selbst nicht, ob ihre Stimme überrascht oder entsetzt klang. „Nein, natürlich nicht einfach so“, versuchte Bella sie durch ihr Handy zu beruhigen. „Er sagte, ich bekäme 100.000 Euro dafür; 50.000 Euro in dem Moment, in dem ich vor ihm stehe und zusage. Den Rest dann hinterher.“ „Den Rest dann hinterher“, Clara wiederholte nachdenklich den letzten Satz ihrer besten Freundin. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. „Und Du willst das wirklich durchziehen?“ „Ach Clara, ich weiß es doch auch nicht. Aber 100.000 Euro haben oder nicht haben sind schon zwei paar Stiefel.“ Ja, das war ein stichhaltiges Argument. Wie pflegte Claras Vater zu derartigen Beträgen immer zu sagen: „Dafür muss eine alte Frau lange stricken!“ Oder in Bellas Fall: „Da muss eine junge Frau lange dafür arbeiten!“ Und jetzt war diese Summe für sie zum Greifen nahe. Krass…


Bellas Gedanken fuhren Karussell – seitdem er sie um diesen, er nannte es Gefallen, gebeten hatte. Ungläubig hatte sie ihn angestarrt, sie war sprachlos gewesen. „Warum fragen Sie das denn ausgerechnet mich?“ Das war das erste, was ihr durch den Kopf schoss. „Das können Sie sich doch sicher denken!“ Aber Bella konnte nur den Kopf schütteln. „So intelligent wie sie sind, sportlich, dynamisch und dazu noch so zauberhaft hübsch – sehen Sie sich doch einmal in unserem Umfeld um, da kann ihnen einfach keine andere das Wasser reichen. Sie sind perfekt für diesen Job!“ „Job? Hatte er gerade wirklich versucht, das Ganze mit dem kurzen, unscheinbaren Wort Job herunterzuspielen?“ Bella wusste nicht, was sie davon halten sollte. Durch ihren Kopf waren Sätze geschossen wie: „Das ist viel mehr als nur ein Job.“ „Hier geht es um mindestens eine Existenz.“ „Was glaubt der von mir? Dabei geht es nicht nur um mein eigenes Leben.“ „Das ist der pure Wahnsinn!“


„Das ist der pure Wahnsinn!“ Mit diesen Worten holte Clara ihre Freundin wieder zurück in die Realität, zurück in ihr Telefonat. „Also, nichts für ungut, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Du für so etwas geeignet bist!“ „Was soll das denn nun wieder heißen?“ Bella klang hörbar eingeschnappt. „Ich bin jung und fit, das würde ich schon durchhalten!“ „Körperlich ja“, gab ihre Freundin schnell zu, schon allein, um sie zu beschwichtigen. „Aber wie sieht es psychisch aus? Steckst Du das danach dann auch so locker weg? Da geht es schließlich um mindestens ein Menschenleben; und wenn es das Schicksal will, vielleicht sogar zwei oder drei oder…“ „Jaaaaa, ich weiß, worauf Du hinauswillst! Du bist hierbei aber auch wirklich keine große Hilfe. Bis in einer Stunde muss ich mich entschieden haben, und ich bin noch keinen Schritt weiter seit meinem Gespräch gestern mit ihm.“


Nun herrschte Stille in der Leitung. Clara überlegte fieberhaft, wie sie ihre Freundin, die sie seit Kindertagen kannte, die schon von klein auf wusste, was sie wollte und was nicht (und derartige Projekte fielen definitiv schon seit jeher unter die Kategorie UND WAS NICHT) und mit der sie immer offen reden konnte, von den schweren Folgen dieses Jobangebotes zu überzeugen. „Und was passiert, wenn Du heute zusagst, 50.000 Euro kassierst, und dann, wenn es darauf ankommt, kneifst?“ „Dann werde ich das Geld wohl oder übel zurückgeben müssen – aber kneifen kommt nicht in Frage, stell Dir das nur mal vor…“ Clara unterbrach Bella mitten im Satz: „Aber genau dann wirst Du die 50.000 Euro am nötigsten brauchen, das ist Dir schon klar, oder?“


Ja, das war Bella klar! Wenn sie das vergeigte, bräuchte sie definitiv Geld, um da allein und ohne Partner durchzukommen. Und dabei ging es ja nicht nur um ein paar Tage, die es zu überbrücken galt. In ihren normalen Job zurückzukehren, war damit auch erst einmal unmöglich. Aber wenn sie es durchzog, verdiente sie 100.000 Euro. Das bedeutete Reisen, Shopping, eine größere Wohnung, vielleicht ein neues Auto… „Okay, Bella, Hand auf`s Herz!“ Clara hatte genug von dem Herumgeeiere. „Er hat Dir diesen Job angeboten und damit einen Haufen Kohle. Für Dich bedeutet das, körperlich und psychisch an Deine Grenzen zu gehen. Und ganz ehrlich: Ich glaube einfach nicht, dass Du das Baby nach der Geburt einfach so weggeben kannst! Und Du?“


Anna M. Dittus

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