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„Ein alter Klassiker neu interpretiert“

Aktualisiert: März 10


Vorwort: Was sich auf`s Erste nach einem tollen Thema aus der Kurzgeschichtengruppe anhört, hat mich wirklich stark zum Nachdenken gebracht. Klassiker sind schließlich Klassiker. Welches Buch soll ich auswählen? Wenn ich an meinem Bücherregal entlanglaufe, begegnen mit viele Klassiker: „Die Buddenbrooks“ (mein absoluter Favorit und das einzige Buch, das ich in der Oberstufe gerne gelesen habe), „Der Besuch der alten Dame“ (mehrfach gelesen und hoch im Kurs), „Faust“ (ja, das finden ja alle gut), „Das Leiden des jungen Werthers“ (was habe ich mich durchgequält), „Frühlings Erwachen (gar nicht mein Fall) und so weiter, und so weiter. Ihr seht: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Und irgendwie ist es mir in der heutigen Zeit eigentlich nach etwas weniger Drama und etwas mehr Spaß. Einfach nach etwas mehr „Kind sein“… Und instinktiv laufe ich an meinem Bücherregal etwas zurück. Denn welcher Autor hat es selbst nie verlernt, ein Kind zu sein? Richtig, Erich Kästner! „Das fliegende Klassenzimmer“, „Das doppelte Lottchen“, „Pünktchen und Anton“ – also, wenn das keine Klassiker sind. Und eben mein Lieblingsbuch aus seiner Feder: „Emil und die Detektive“. Vor mir liegt genau das Buch, das mein Vater in seiner Schulzeit in den Sechzigern gelesen hat. Leider steht nirgendwo vermerkt, von wann diese Ausgabe ist – aber was darin steht: Schon damals betrug die Auflage 516.000 Stück. Mehr muss ich nicht sagen, oder? Ganz klar: Ein Klassiker!


Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren, hat demnach beide Weltkriege miterlebt, war als Gegner des Nationalsozialismus bekannt, ist dennoch während des Hitler-Regimes in Deutschland geblieben und hat miterlebt, wie seine eigenen Bücher verbrannt wurden. Trotzdem hat er sein kindliches Gemüt nicht verloren und erfreut auch nach seinem Tod (1974) Klein und Groß mit seinen tollen Kinderbüchern, die allesamt mehrfach verfilmt wurden. Ich bin mir nicht sicher, ob die nachfolgende Interpretation wirklich als Interpretation von Emil und seinen Detektiven durchgeht – es ist in jedem Fall eine Hommage an einen ganz Großen; einen Schriftsteller, der Freundschaft, Zusammenhalt und Liebe zu schätzen und zu formulieren wusste. Eigenschaften, die knapp 100 Jahre später nicht mehr als selbstverständlich erachtet werden können. Wenn ich seine Bücher lese, geht mir noch heute das Herz auf; es brennt in mir tatsächlich eine Sehnsucht nach einer Welt, in der das Kind sein wieder Spaß macht. Doch dazu können und sollten sich nicht nur die Kinder der heutigen Zeit eine dicke Scheibe von der Jugend von damals abschneiden. Denn jeder von uns kann eigentlich ein Pünktchen oder ein Anton, eine Luise oder eine Lotte, ein Justus oder ein Nichtraucher, ein Gustav oder eben der Emil sein:


Emil und die Detektive


„Opa, sind 140 Mark wirklich so viel Geld?“ Der Opa blickte über den Rand des alten Buches in seinen Händen und schmunzelte über die Frage seiner achtjährigen Enkelin. „Wirst Du wohl zuhören, Du Naseweis? Dazu kommen wird jetzt!“ Damit las er ihr weiter vor: Manche von Euch werden sicher der Ansicht sein, man brauche sich wegen hundertvierzig Mark wahrhaftig nicht so gründlich zu unterhalten wie Frau Friseuse Tischbein mit ihrem Jungen. Und wenn jemand zweitausend oder zwanzigtausend oder gar hunderttausend Mark im Monat verdient, hat er das ja auch nicht nötig. Und wer pro Woche fünfunddreißg Mark verdient, der muss, ob es euch gefällt oder nicht, hundertvierzig Mark, die er gespart hat, für sehr viel Geld halten. „Na, noch Fragen, Du kleine Ungeduld?“ Emma grinste und schüttelte der Kopf. „Bitte lies weiter!“ Forderte sie ihren geliebten Großvater auf. Und das tat er. Wenn Opa zu Besuch war, ging sie freiwillig schon ganz bald ins Bett, damit er ihr ganz vorlesen konnte – so wie heute.


Also, er griff sich langsam in die rechte innere Tasche. Die Tasche war leer! Das Geld war fort! Emil durchwühlte die Tasche mit der linken Hand. Er befühlte und preßte das Jacket von außen mit der rechten. Es blieb dabei: die Tasche war leer, und das Geld war weg. „Oh nein!“ Emma schaute ihren Großvater mit großen Augen an. „War das der Mann mit dem steifen Hut? Während Emil im Zug geschlafen hat? Opa, schnell, wir müssen weiterlesen!“ Die Kleine saß mittlerweile aufrecht in ihrem Bett und presste ihre Knie ganz fest an sich. Doch bei dem tadelnden Blick ihres Großvaters schwieg sie sofort wieder und lauschte weiter. Das war wirklich ein spannendes Buch!

„Wer hat noch keinen Fahrschein?“ Der Opa imitierte die Stimme eines Kontrolleurs. Emma hielt sich die Hände vor den Mund. „Emil kann sich ja gar keinen kaufen. Er hat ja kein Geld mehr!“ Sie war gespannt, wie das ausging und ob Emils erste Straßenbahnfahrt vielleicht ein jähes Ende finden und der Mann mit dem steifen Hut, dem er so dicht auf den Fersen war, entkommen würde. „Geben sie dem Jungen einen Fahrschein!“ sagte da der Herr, der die Zeitung gelesen hatte. Er gab dem Schaffner Geld. Und der Schaffner gab Emil einen Fahrschein. „Das ist ja nett von dem Mann“, unterbrach Emma ihren Opa freudig. „Bei uns will uns der Busfahrer schon nicht mitnehmen, wenn wir unsere Wochenkarte zuhause vergessen haben!“ „Ja“, lachte der Opa. „Diese Zeiten sind wirklich vorbei. Und Emma?“ Er schaute seiner Enkelin tief in die Augen. Diese schaute ihn fragend an. „Dass Du mir auch nichts von einem Fremden im Bus annimmst. Das war früher wirklich eine andere Zeit und ein anderes Miteinander, hörst Du?“ Die Kleine nickte beklommen. Ja, das hatte ihre Mama ihr auch schon oft eingeschärft.; mit Fremden solle sie am besten gar nicht reden.


Doch der Ernst war schnell verflogen. Der Opa las weiter und sie trafen jetzt Gustav mit der Hupe, den Professor, den kleinen Dienstag, Krummbiegel sowie die Gebrüder Mittenzwey. Das waren vielleicht coole Jungs, dachte sich Emma, während sie aufmerksam lauschte. So toll waren die Buben in ihrer Klasse nicht. Und wie nett sie zu Pony Hütchen waren. Zu ihr war in der Schule kein einziger Junge so nett. Und alle hielten zusammen, um Emil bei der Wiederbeschaffung seiner 140 Mark zu helfen. So eben las der Großvater: Liebe Großmutter! Sicher habt Ihr Sorge, wo ich bin. Ich bin in Berlin. Kann aber leider noch nicht kommen, weil ich vorher was Wichtiges erledigen muß. Fragt nicht was. Und ängstigt Euch nicht. Wenn alles geordnet ist, komm ich und freu mich schon jetzt. Der Junge mit dem Brief ist ein Freund, und weiß, wo ich stecke. Darf es aber nicht erzählen. Denn es ist ein Amtsgeheimnis. Viele Grüße auch an Onkel, Tante und Pony Hütchen; Dein treuer Enkel Emil.


„Und dieser Brief hat ausgereicht?“ fragte Emma erstaunt. „Mama würde sofort die Polizei holen, wenn ich auf unbestimmte Zeit mit völlig fremden Kindern losziehen würde. Auf so eine Reise hätte sie mir sicher ein Handy mitgegeben. Da würde sie die ganze Zeit anrufen, was wetten wir?“ Sie piekte ihrem Opa in die Seite. Der seufzte tief, bevor er antwortete: „Ja, Emma, wie schon gesagt: Früher ging das alles anders zu. Da gab es allenfalls Telefonzellen. Und nicht in jeder Wohnung stand, wo wie heute, ein Telefonapparat. Das Zusammentelefonieren war damals sehr schwierig. Da war man schon sehr dankbar über jeden kleinen Brief, den man bekam; das kannst Du mir glauben.“ Ungläubig schaute Emma ihn an. Sie schrieb allenfalls ihrer Tante ab und an mal einen Brief, die wohnte weit weg. Aber meistens starteten sie einen Videocall mit Papas Handy. Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. Das müssen ja Zeiten gewesen sein…


Mittlerweile war der Mann mit dem steifen Hut in einem Hotel abgestiegen. Und die Freunde um Emil versuchten gerade über den Jungen, der im Hotel den Lift bediente, an Informationen über eben diesen zu kommen. Dazu war Gustav kurzerhand ins Hotel gestiefelt. „Und im Buch ist es jetzt wirklich zehn Uhr abends?“ Emma konnte es fast nicht glauben. Diese Jungs waren gar nicht so viel älter als sie und sie musste immer um sechs Uhr zuhause sein. „Das ist doch sicher gefährlich, oder Opa?“ „Weißt Du, Emma, früher war noch nicht so viel los in der Stadt wie heute. Und die Menschen haben auch viel besser auf sich Acht gegeben. Es ist sehr schade, dass Du das nicht miterlebt hast, aber ich versichere Dir: Die Jungs mussten sich ganz bestimmt zu keinem Zeitpunkt fürchten, obwohl es schon so spät war!“ Na, der Opa musste es ja wissen, dachte Emma und wartete gespannt darauf, wie es weiterging. Denn sie hatten mittlerweile von Gustav erfahren: Am nächsten Morgen wollte der Mann mit dem steifen Hut um 8 Uhr geweckt werden.


In Großvaters altem Buch brach der Morgen des nächsten Tages herein, selbstverständlich hielten die Buben noch Wache vor dem Hotel. Und wenig später kam der Mann mit dem steifen Hut heraus. Da ergriff der Professor das Wort: Wir werden ihn also einkreisen. Hinter ihm Kinder, vor ihm Kinder, links Kinder, rechts Kinder! Ist das klar? Weitere Kommandos erfolgen unterwegs. Emma war sichtlich nervös – hatten sie den Dieb etwa gleich gefasst? Und drei Minuten später war der Herr umzingelt. Er sah sich, höchstlich verwundert, nach allen Seiten um. Der Opa senkte beim Lesen verschwörerisch die Stimme. Da hatte der Dieb einen Einfall. Er erblickte eine Filiale der Commerz- und Privatbank. Er durchbrach die Kette der Kinder, eilte auf die Tür zu und verschwand.


Als der Opa ihr die Stelle vorlas, an der der Dieb noch in der Bank von Emil selbst überführt wurde, freute sich Emma ungemein. „Das ist ja richtig cool von Emil, dass er an die Löcher in den Geldscheinen gedacht hat. Zum Glück hatte er im Zug das Geld mit einer Stecknadel in seiner Tasche festgemacht. Sonst hätte der Mann das Geld einfach eingezahlt und niemand hätte ihm etwas beweisen können!“ Lachend blätterte der Großvater um und begann mit dem Kapitel, in dem beschrieben wurde, wie Emil daraufhin erst mit auf die Polizeiwache musste und anschließend von einem netten Journalisten, Herrn Kästner, für die Zeitung interviewt wurde. „Herr Kästner?“ Emma nahm ihrem Opa das Buch aus der Hand und schaute auf das vergilbte Titelbild. „Das Buch ist doch von Erich Kästner. Ist das derselbe Mann?“ Sie schlug den Buchdeckel um und entdeckte mit einer krakeligen Schrift ein paar handgeschriebene Sätze auf der ersten Seite.


„Emil, Telefon!“ rief da die Oma von unten durch`s Treppenhaus. Der Opa seufzte und ging in Richtung Zimmertüre. Doch das nahm Emma schon gar nicht mehr war. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, die krakeligen, schon ziemlich verblichenen Sätze zu entziffern. Sie las sie einmal, ein zweites und dann noch ein drittes Mal. Kaum zu glauben, da stand: Für meinen kleinen Helden Emil, ohne den ich niemals dieses Buch geschrieben hätte. Bleib weiterhin so pfiffig und wachsam – und schlaf mir blos nicht wieder im Zug ein, vor allem dann nicht, wenn Du 140 Mark dabei hast. Hochachtungsvoll, Erich Kästner.

Anna M. Dittus



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